Die Pforten der Hölle

Wie ihr wisst, haben wir gestern einen Kohlemeiler angefacht.

Das Fest, das wir anlässlich des Anzündens gemacht haben, war schon ausgeklungen.

Die Köhlerin hatte sich zurückgezogen und alle Gäste waren gegangen. Ich räumte noch ein paar Sachen weg, schloss das Festzelt und wollte gerade gehen, da hörte ich ein recht fieses hohes Lachen aus der Richtung, in der der Meiler steht.

Ich dachte mir, dass einer unserer Freunde sich einen Scherz erlaubte, doch als ich näher kam, merkte ich, dass das Lachen aus dem Meiler kam.

Nun, um ehrlich zu sein, war ich nicht überrascht. Wer schon mal sowas

gesehen hat, weiss, dass mit diesen Dingern irgendwas nicht stimmt.

So stieg ich mehr neugieriger als ängstlich die Leiter am Meiler hoch zum Schacht, den die Köhlerin zum «Füttern» des Meilers braucht.

Ja, da war ganz deutlich ein Kichern zu hören. «Was lachst du da unten?», fragte ich. «Halt dich etwas ruhig, die Köhlerin will schlafen!»

Doch das Kichern verstummte nicht. Im Gegenteil! Lauter wurde es, gehässiger wurde es und dann, als es mir echt auf die Nerven ging und ich mit dem langen Holzstab, der am Meiler stand, in das Loch hineinstocherte, da – flutsch– war das Holz plötzlich weg, und eh ich michs versah, packte etwas meinen Knöchel und zog mich durch den engen Schacht hinab in die Tiefen.

«Verdammt noch mal!», rief ich, als ich irgendwo unten schmerzhaft aufschlug.

«Sieh da, Herr SMY hat uns einen Besuch abgestattet. Welch überaus grosse Ehre!», spottete mir der grosse Satan höchstselbst entgegen.

Er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Fliehendes Kinn, eng beieinander liegende Augen, die unter einer, wie es schien, ängstlich zurückweichenden Stirn lagen. Ein Toupet versuchte vergeblich, das Fliehen der Stirn zu kaschieren. Der Kerl trug einen englischen Massanzug, wie er nur von der Savile Row kommen konnte, und sein Beinkleid steckte in hübschen schwarzen Gummistiefeln mit Blumenmuster,

mit denen er im schwefligen Matsch der Hölle stand.

«Was willst du schon wieder von mir, du alter Furz!», rief ich zurück. «Hab ich dir das letzte Mal nicht deutlich gemacht, dass ich deine hässliche Fratze nicht zu sehen wünsche? Bist hier unten etwas einsam geworden, nicht wahr?»

Satan schaute mich böse an. Sehr böse. Augen funkelten und so’n Zeug. Wie das halt so ist bei Teufeln, Göttern und Rabauken.

Ich funkelte artig zurück und warf dem Herrn der Finsternis meinen fiesesten Blick zurück. Er schauderte, schüttelte sich angewidert und machte einen Schritt rückwärts.

«Also, Sati, was willst du von mir?»

«Was ich immer will, was ich immer wollte: Deine verdammte Seele!»

«Oh, ah», machte ich. «Sorry mein Teufelchen, aber da ist nichts. Keine Seele, kein Geist und auch kein Über-, Neben- oder Unterbewusstsein. Nix ist da, nur Synapsen. Nur das einfache Bewusstsein in sich greifender elektrischer und chemischer Impulse. Tut mir also leid, du Herr des Schwefelsumpfes, hier gibt es nichts, was dich interessieren könnte. Im Übrigen sollte dir doch aufgefallen sein, dass es hier unten mächtig leer geworden ist, nicht wahr? Keine Sodomiten, Mörder, Anwälte oder sonstige Sünder. Nur pädophile Pfaffen, ein paar Tausend unzüchtiger Nonnen und gieriger Bischöfe. Niemand sonst. Niemand, oh Satan!» Und mit diesen Worten war es nun an mir, ihm ein gehässiges Lachen entgegenzuschleudern.

Und noch während er zitternd vor Wut und immerfort Wrigley-Spearmint-Plättchen spuckend von einem Gummistiefelchen auf das andere hüpfend herumhopste, zog ich mein Smartphone, rief eine Facebook-Seite auf und zeigte sie ihm. «Da, du blöder Klotz, da hast du deine gottverdammte Hölle! Ein Ort so schrecklich oberflächlich, dass selbst die Schwefelpfützen da hinten wie die Tiefsee wirken. Ein Ort, an dem es nur gelikt oder nicht gelikt gibt. Sein oder nicht sein. Ein Ort, an dem die Unwahrheit, die Heuchelei und Lüge, die Vor- und Falschverurteilung und der Hass so weit verbreitet sind, dass man es kaum schafft, eine Nische zu finden, in der auch nur ein Funke Echtheit strahlt!  Hochmut, Geiz, ausser an geteiltem Nonsens, Wolllust und Pädophilie, Zorn, die Völlerei des Mammon, das Sichaufgeilen an immer neuem, niemals satt machendem Müll, der Neid auf die Likes der anderen, und die Faulheit, sich selber Gedanken zu Welt zu machen, den Kopf aus der Blase zu strecken, Fakten zu sammeln und eine eigene Beurteilung über das Sein abzugeben. Das, du Trottel, ist die Hölle. Diesen Sumpf hier kannst du SHELL verkaufen, die können sicher etwas draus machen. Und was mich betrifft, ich hab dir schon beim letzten Treffen den Hintern versohlt, und auch wenn ich damals für immer gezeichnet aus dem Kampf ging, so warst du besiegt. Das bist du auch dieses Mal. Ein drittes Mal möchte ich dir nicht raten, mit mir zu streiten, denn es würde gleich ausgehen für dich!»

Und damit drehte ich mich um und verliess einen verdutzten, wirklich trottelig dreinschauenden Teufel, dass er mir fast schon leid tat.

Ich streckte meine Hand nach oben, zog mich aus dem Meiler und ging heim.

Als ich am Morgen erwachte, fragte ich mich, ob ich das alles nur geträumt hatte. Hatte ich? Ich weiss es nicht, ehrlich. Traum und Realität, was ist das schon. Stutzig machte mich lediglich, dass im Profil meiner Stiefel Dutzende kleiner, gelber Schwefelklumpen steckten.

Wie die wohl dahin gekommen sind?

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