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Die Macht der Dummheit

16.12.2018

Es war einmal im Wald der Buchin. Der Winter nahte bereits und allerhand Getier suchte nach Nestmaterial, um sich schön warm einpacken zu können, wenn der Schnee kam.

Getreu meinem Motto «Getan ist getan!» hatte ich bereits den ganzen Sommer durch fleissig Holz zusammengesucht und mir auch an Nüssen und Beeren einen schönen Vorrat angelegt. So musste ich mich nur noch um Salz und Zucker und einige Flaschen Wein kümmern. Da ich diese natürlich nicht im Wald finden würde, blieb mir nichts anderes übrig, als wieder einmal die Zivilisation aufzusuchen, um dort Gewünschtes einzuhandeln.

Gegen Mittag war ich bereits in einem Dorf. Doch was war hier los? Alles Volk war auf der Strasse und prügelte mit Stecken und Äxten auf die Häuser ein. «Was ist denn hier los?», fragte ich einen älteren Mann. «Ach, der Fürst hat den Preis für Holz erhöht, und in seinem Wald Holz zu schlagen hat er verboten!» «Aber wieso schlagt ihr denn auf eure Häuser ein?», fragte ich etwas verdutzt. «Worauf sollen wir denn sonst einschlagen? Der Fürst soll bloss merken, dass wir mit seiner Entscheidung nicht zufrieden sind. In der Stadt, ja dort fressen sie sich die Bäuche voll. So gut geht es ihnen, dass Aberhunderte aus aller Herren Länder in die Stadt ziehen und dort leben wie die Maden im Speck. Uns aber, sein eigenes Volk, besteuert er, lässt uns darben und erfrieren!» Hinter uns brach krachend eine Hausmauer ein und begrub drei der Randalierer unter sich. Sie schrien und schrien, doch keiner ging ihnen zu Hilfe. Der Pöbel zog einfach weiter zum nächsten Haus und rief laut: »Stürzt den Fürsten! Gratis Holz für alle!»

Auch der Mann, mit dem ich gesprochen hatte, lief nun der Menge hinterher und trat mal hier und mal dort gegen eine Hauswand, einen Karren oder was ihm sonst vor die Füsse kam.

Ich wollte mich gerade bei einem alten Muttchen nach einem Laden erkundigen, in dem ich Salz kaufen könnte, da brachen ein paar Häuser vor uns Flammen durch die Fenster eines Hauses. «Der Krämer, der verfluchte Hund!», fauchte die Alte. «Soll der dreckige Bandit seine Wucherpreise woanders verlangen!» Und mit diesen Worten eilte auch sie zum Brand und rief: «Tötet alle Krämer!» Nun, mir schien, dass ich in nächster Zeit nicht der Einzige sein würde, der kein Salz bekam. Allerdings breitete sich der Brand nun schnell auf die anderen Häuser aus und die ersten Menschen flüchteten in meine Richtung.

«Der verdammte Fürst und seine Krämer legen unser Dorf in Schutt und Asche!», rief einer. «Retter euch, der Fürst hat uns den Krieg erklärt!», ein anderer. Vom Fürsten war indes keine Spur.

Mir reichte es, und so überliess ich dieses Volk seinem Treiben und machte mich in die nahe Stadt auf. Ich würde halt dort übernachten müssen.

Es dunkelte bereits ein, als ich dort ankam. Im letzten Licht des Tages fand ich ein Gasthaus, das mir ein Zimmer für die Nacht gab.

Etwas später, als ich vor Wein, einem Stück Fleisch und Brot an einem Tisch sass, erzählte ich einem der Herren, die dort sassen, was ich am Morgen erlebt hatte, und erkundigte mich, ob denn stimme, was ich über die Erhöhung des Holzpreises gehört hätte. «Och, man muss nicht immer glauben, was einem das Landvolk erzählt. In der Tat ist das Holz teurer geworden. Aber doch nur, weil diese Leute nebst dem Holz der Allmend-Wälder auch noch jeden Baum rund um das Dorf geschlagen und verkauft haben. Nur ein kleiner Teil wurde zum Heizen und Kochen genommen. Dieses Treiben ging manches Jahr, und jetzt, wo kaum noch Wald da ist, wird natürlich das Holz teurer.»

Er erzählte weiter, dass dies auch nicht das erste Dorf sei, das von seinen eigenen Bewohnern demoliert worden sei. Danach stünden sie dann mit Mistgabeln und Stöcken bewaffnet vor des Fürsten Schloss und verlangten von ihm Geld, um sich neue Häuser bauen zu können. «Aber der Fürst hat doch schon lange nichts mehr zu sagen und kann ihnen auch kein Geld geben. Jedes Dorf hat seit Jahren einen Gesandten im Rat, der mit allen anderen die Gesetze macht, die Preise festlegt und auch alles andere regelt. Was wollen sie also?»

Nun verstand ich gar nichts mehr und hatte auch nichts mehr dazu zu sagen. Wir wechselten das Thema und diskutierten darüber, wo in der Stadt der beste Wein zu kaufen sei.

Am nächsten Morgen machte ich meine Besorgungen und trat den Rückweg an. Als ich am frühen Nachmittag zu dem Dorf kam, jammerten dort die einen und zürnten mit erhobenen Mistgabeln die anderen. Ich machte mir mein Messer locker, falls einer der Spinner auf falsche Gedanken kommen würde, und packte meinen Stock fester.

«Seht, was der Fürst angerichtet hat!», rief mir einer entgegen. «Niedergebrannt hat er alles und will uns nun auch noch das Holz für den Neubau verweigern!» «Habt ihr nicht einen, der im Rat euer Dorf vertritt? Wieso setzt nicht der sich für euch ein?», fragte ich den Ereiferten. «Ach was, kommt mir nicht mit dem Rat. Jeder arbeitet in seine eigene Tasche. Das Volk hat doch nichts zu sagen!» «Aber habt ihr diesen denn nicht selbst gewählt?», hakte ich nach. «Was willst du eigentlich!», schrie der Mann gehässig, «mach, dass du fort kommst! Willst wohl uns die Schuld geben für den ganzen Schlamassel, was? Steckst wahrscheinlich mit dem Fürsten und seinen ausländischen Arschkriechern unter einer Decke! Scher dich fort, sonst steht’s was!»

Ich tat von Herzen gerne, wie mir geheissen, und trat mit schnellem Schritt den Heimweg an.

Als wir am Abend bei einem Glas des ergatterten Weines zusammensassen, wollte nicht einmal Kirlefing die Geschichte glauben. «Menschen tun dumme Dinge, aber mein lieber Smy, diese Geschichte hast du erfunden!» Alle lachten und zeigten mir so ihren Respekt, denn ich hatte ohne mit der Wimper zu zucken eine wirklich haarsträubende Geschichte erzählt. Ich klärte sie nicht darüber auf, dass alles wahr war. Wozu auch. Menschen tun eben dumme Dinge – ob nun in Wirklichkeit oder in einer Geschichte, spielt letztlich keine Rolle.

 

©Simon Meyer, 2018