Frauenschuh

In der Löffelburg fand sich manch Ding, das die Zeiten überdauerte. Manches länger, manches weniger lang. Eines davon ist dieser Frauenschuh, der bei den Umbauarbeiten am Dachstock zum Vorschein kam.

Vor Jahren verfasste ich ein Gedichtlein für meine Frau. Dieses alte Fundstück – ich meine das Gedichtlein, nicht die Frau – habe ich heute zufällig wiederentdeckt. Zwei Fundstücke also. Alsdann, des Löffelburgers Gedicht an den Frauenschuh:

 

Der Frauenschuh

Das Weib bedarf der Schuhe

Wie starker Mann des Schwerts

Denn ohne schönes Leder

Fühlt Frau sich zu nichts wert

¨

Ob Finken oder Schlarpen

Sie hat sie beide lieb

Für schöne Stiefeletten

Würd Frau sogar zum Dieb

¨

Sie liebt sie rot und hackig

Gesund und natural

So läuft sie streng und zackig

Und manchmal ganz normal

¨

Zum grünen Kleid ein grüner

Und blau zu blau, ist klar!

Und passt er noch zur Jahrzeit

Ist alles wunderbar

¨

Zum Schluss, das muss ich sagen,

Kommt die Moral dazu

Ein Mann hat’s nicht zu wagen

Zu kritteln ihren Schuh!

¨

Und sollte der Mann nicht sehen

Gemahlins neuen Schuh

Vergisst er was zu sagen

Vorbei ist dann die Ruh!

 

© Simon Meyer, 21.2.2001

Objekt 076 – Coop Noëlini-Giveaway

Aufgabe des Kantonsmuseum Luzern ist es auch, kulturelle Leistungen (oder Fehlleistungen) zu dokumentieren. Dies tun wir mit folgendem Exponat und den dazugehörenden Begleitmaterialien.

Wir weisen darauf hin, dass das Kantonsmuseum immer nur die Geschichte dokumentieren kann die bekannt ist. Neue Fakten werden so schnell wie möglich den bisherigen hinzugefügt und die Geschichtsinterpretation entsprechend angepasst.


Inhalt:

Beschreibung Objekt LB-001_074:

Grund der Aufnahme in die Sammlung

Randbemerkung

Liste der Begleitmaterialien

Bild des ausgestopften Exponate

Tatortfoto

Abschiedsbrief

Gegendarstellung Coop

Tatortbericht des Kriminaltechnischen Dienstes

Geständnis «Eli»

 


Beschreibung zu Objekt 074:

Ausgestopftes Coop Noëlini-Giveaway, das am 22. Dezember 2018 auf einer Pappschachtel liegend und von einer Büroheftklammer erstochen tot aufgefunden wurde. (Bis 23.12.2018, 13.05 Uhr ging man noch von einem Selbstmord aus. Nachdem jedoch der Bericht des Kriminaltechnischen Dienstes der Kantonspolizei Luzern auftauchte, geht man von Mord aus.

 


Grund der Aufnahme in die Sammlung:

Das Objekt vermittelt den ausartenden Wettbewerb zwischen Coop und Migros in ausgezeichneter Weise. Die abscheulichen Zuchtversuche von Noëlinis durch Coop und die Verharmlosung des (zu diesem Zeitpunkt noch angenommenen Selbstmordes) des Coop Noëlini-Giveaway am 22.12.2018 durch den Chef von Coop, der den Vorfall als «Einzelereignis» bezeichnete und jede Mitschuld von Coop abstritt, zeigen deutlich die Wettbewerbsstimmung in der Schweiz zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in dem jegliche ethische Prinzipien über Bord geworfen wurden.

 


Randbemerkung:

Die chinesische Klon- und Plastikindustrie haben sich zusammengeschlossen und mit dieser Hightech-Plastik-Klon-Zucht etwas bis dahin nicht Dagewesenes geschaffen.

Leider führt das nicht nur zu geradezu absurden ethischen Problemen, sondern auch zu noch grösserer Plastikverschwendung. Der chinesische Hersteller indes verteidigt sich: «Indem wir Plastik lebendig machen, verhindern wir, dass er weggeworfen wird, und tragen so zu einer besseren Umwelt bei!»

 


Begleitmaterialien:

    • Foto Exponat
    • Tatort-Foto
    • Abschiedsbrief
    • Gegendarstellung Coop
    • Tatortbericht der Kantonspolizei Luzern
    • Geständnis «Eli»

 

 


Bild des ausgestopften Exponates:

SM181223_000_010

 


Tatortfoto:

SM181223_000_037

 


Abschiedsbrief, am Tatort durch die Kantonspolizei Luzern sichergestellt am 23.12.2018

Welt, ich sage adieu!

Ich bin erfasst von Ekel und Zorn über meine Existenz. Wieso wurde ich geschaffen? Zu welchem anderen Zweck als nur zu sein, um ein kurzes freudloses Leben zu führen und danach achtlos weggeworfen zu werden?

Niemand liebte mich wirklich. Niemand wollte mich wirklich. Ich bin Müll! Nutzlos und jeder sinnvollen Existenz von Vornherein beraubt.

Mögen meine Schöpfer in der Hölle schmoren!

 


Gegendarstellung Coop

Coop bedauert sehr den tragischen Selbstmord des Noëlini-Giveaways. Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass wir jede Schuld daran zurückweisen.

Die im Abschiedsbrief gemachten Anschuldigungen können wir so nicht stehen lassen. Es ist unser grösstes Ziel, den Menschen Freude zu bereiten und sie in der Handhabung mit Plastik zu unterstützen. Unsere chinesischen Partner haben mit Bedacht gehandelt und es gibt unsererseits keine Zweifel, dass die durch unabhängige Institute vorgenommenen Kontrollen der Aufzucht der Noëlini-Giveaways nicht korrekt wären.

Coop bedauert zudem die reisserischen Presseberichte, die lediglich zum Ziel haben, den Absatz zu steigern. Sie dienen weder der Aufklärung noch der Richtigstellung der Fakten.

Coop Pressestelle, 23.12.2018

 

 


Tatortbericht des Kriminaltechnischen Dienstes der Kantonspolizei Luzern

Tatortbericht, Kriminaltechnischer Dienst, Kantonspolizei Luzern

  1. Dezember 2018, 09.45

Am 23. Dezember 2018 trafen die Beamten H.R. und K.L. nach einem anonymen Hinweis um 09.45 Uhr an der XXXXX XX ein. Aufgrund der sich bietenden Situation wurde sofort der Kriminaltechnische Dienst herbeigerufen, der sich im Weiteren um die Aufnahme des Tatorts kümmerte.

Bericht:

Die Leiche eines Noëlini-Giveaways lag in der Mitte eines alten und gebrauchten Paketdeckels in einer Blutlache. Aus seinem Bauch ragte eine Büroklammer. Blut wurde zudem im Gesicht sowie auf der Oberseite des Kopfes festgestellt.

Nach Untersuchung des Leichnams und des Tatorts kommen wir zu folgendem klarem Schluss: Das Noëlini-Giveaway ist erst erschlagen worden und wurde dann erstochen!

Folgende Indizien führen unzweifelhaft zu dieser Schlussfolgerung:

  1. Die blutende Wunde am Kopf hätte nicht nach einem Selbstmord erfolgen können, denn wie hätte das Blut dahinkommen sollen?
  2. Das Noëlini-Giveaway hat gar keine Arme, um die Büroklammer halten und sich erstechen zu können.
  3. Der Abschiedsbrief ist in deutscher Sprache verfasst. E scheint unglaubwürdig, dass das Noëlini-Giveaway in der kurzer Zeit zwischen seiner Produktion und dem Ableben die deutsche Rechtschreibung erlernt haben soll, zumal es in China aufgewachsen ist.
  4. Am Tatort wurden Fussspuren eines Plüschwichtels gefunden. Die Spur wurde durch Blutanhaftung am Fuss verursacht. Der Kriminaltechnische Dienst verglich diese mit den Füssen von Plüschwichteln in der Migros und kommt zum klaren Schluss, dass der Abdruck von einem «Finn» stammen muss. Ob dieser der Mörder war oder sich später am Tatort aufgehalten hat und dabei in die Blutlache getreten ist, kann nicht festgestellt werden. Sicher ist, dass das Blut zu diesem Zeitpunkt noch nicht geronnen war.

Der Kriminaltechnische Dienst übergibt sein gesamtes Material der Staatsanwaltschaft.

J.F., Oberstleutnant

 


Einvernahmeprotokoll vom 23.12.2018

Das Verhör führte: Kommandant G.H., Kriminalpolizei Kanton Luzern

Das Protokoll führte: R.Z.

Der Verdächtige: Plüschwichtel «Eli»

Beginn des Verhörs, 23.12.2018, 22.55 Uhr, Raum 8, KP Luzern

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G.H.: Wieso haben Sie sich gestellt!

Eli: Ich bin schuldig. Ich habe Noël umgebracht.

G.H.: Wieso haben Sie das getan?

Noël: Wir haben uns geliebt! Wir beide, sie und ich, liebten uns. Sie war das Einzige im Leben, das mir etwas bedeutet hat!

G.H.: Und dann töten Sie sie?

Eli: Ich musste doch! Sie wollte es so! Was war denn das für ein scheiss Leben, hä? Möchten Sie so leben? Als Klon aufwachsen. Immer in diesem scheiss Plastikbeutel, mit Hunderttausenden anderen, die genau gleich sind. Absolut gleich! Und alle haben sie überhaupt keine Perspektive. Sie wissen, dass, kaum kommen sie aus der Kiste, werden sie irgendeinem arglosen Menschen in die Hand gedrückt, der schmeisst sie in die Einkaufstasche, und zu Hause wird man einfach weggeworfen. Niemand fragt, wie es dir geht oder ob du etwas brauchst. Niemand fragt dich nach deinen Lebenswünschen. Niemand, verdammt!

G.H.: Ich verstehe immer noch nicht, wieso Sie sie erstochen haben. Wäre es Mitleid gewesen, hätte man das doch sanfter gemacht.

Eli: Sie wollte es so. Sie wollte, dass wir es wie einen Selbstmord, wie Harakiri aussehen lassen. Später wollte ich mich ebenfalls umbringen. So wären Coop und Migros drangekommen. Diese Misthunde hätten es verdient!

G.H.: Sie konnten es nicht?

Eli: Was?

G.H.: Sich umbringen.

Eli: Nein, ich konnte nicht. Ich bin ein feiges Stück Dreck!

G.H.: Nana, es ist doch besser, wenn Sie leben!

Eli: Und wozu? Was ist denn aus dem Weihnachtsschund der letzten Jahre geworden, hä? Wo liegt der bei Ihnen zu Hause?

G.H.: Äh, ich weiss nicht recht, meine Frau räumt immer hinter den Kindern her.

Eli: Ja, ich kann Ihnen sagen, wo das alles geblieben ist: im M Ü L L!

G.H.: Vielleicht ja, aber Sie lenken vom Thema ab. Sie haben diese Noël – war das ihr Name? – also erst erschlagen und dann erstochen.

Eli: Ja, sie hat sich umgedreht und da habe ich sie mit einer wieder aufladbaren Batterie auf den Schädel gehauen. Als sie dann ohnmächtig war, habe ich die Büroklammer genommen und sie erstochen.

G.H.: Nun, gut, es tut mir leid für Sie. Ich muss Sie jetzt festnehmen. Sie werden angeklagt, das Coop Noëlini-Giveaway «Noël» erschlagen und anschliessend erstochen zu haben.

Eli: Ich bereue nichts. Noël ist tot! Coop und Migros und Aldi und Lidl und all die anderen Geldgeilen, Profit- und Wachstumsgierigen haben Noël umgebracht! Und die Menschen? Die Kundinnen? Sie haben Noël ebenfalls getötet! Mit ihrem falschen Kitsch statt ehrlichen Gefühlen. Alles muss hübsch glänzen, gell? Alles muss nett sein, ja nett! Scheiss nett muss alles sein. Und man blendet schön aus, dass man das ganze Jahr die Flüchtlinge im Meer hat ersaufen lassen. Und man blendet aus, dass man die Zukunft der Kinder mit scheiss Plastik zumüllt, den man ihnen zuvor – und ist das nicht ein Hohn? – schenkt, verdammt noch mal!

Ihr Menschen seid Heuchler. Ihr erschafft uns zu nichts anderem als zu einem einzigen Zweck: um von eurer Schuld abzulenken. Und, weil ihr wirklich abgrundtief dumm seid, macht ihr euch gerade damit noch mehr schuldig. Ah, bringen Sie mich weg! Bringen Sie mich bloss weg hier!

Ende Protokoll.  23.12.2018, R.Z.  Sign. PF:

Zum PDF des Einvernahmeprotokolles klicke hier

Die Macht der Dummheit

16.12.2018

Es war einmal im Wald der Buchin. Der Winter nahte bereits und allerhand Getier suchte nach Nestmaterial, um sich schön warm einpacken zu können, wenn der Schnee kam.

Getreu meinem Motto «Getan ist getan!» hatte ich bereits den ganzen Sommer durch fleissig Holz zusammengesucht und mir auch an Nüssen und Beeren einen schönen Vorrat angelegt. So musste ich mich nur noch um Salz und Zucker und einige Flaschen Wein kümmern. Da ich diese natürlich nicht im Wald finden würde, blieb mir nichts anderes übrig, als wieder einmal die Zivilisation aufzusuchen, um dort Gewünschtes einzuhandeln.

Gegen Mittag war ich bereits in einem Dorf. Doch was war hier los? Alles Volk war auf der Strasse und prügelte mit Stecken und Äxten auf die Häuser ein. «Was ist denn hier los?», fragte ich einen älteren Mann. «Ach, der Fürst hat den Preis für Holz erhöht, und in seinem Wald Holz zu schlagen hat er verboten!» «Aber wieso schlagt ihr denn auf eure Häuser ein?», fragte ich etwas verdutzt. «Worauf sollen wir denn sonst einschlagen? Der Fürst soll bloss merken, dass wir mit seiner Entscheidung nicht zufrieden sind. In der Stadt, ja dort fressen sie sich die Bäuche voll. So gut geht es ihnen, dass Aberhunderte aus aller Herren Länder in die Stadt ziehen und dort leben wie die Maden im Speck. Uns aber, sein eigenes Volk, besteuert er, lässt uns darben und erfrieren!» Hinter uns brach krachend eine Hausmauer ein und begrub drei der Randalierer unter sich. Sie schrien und schrien, doch keiner ging ihnen zu Hilfe. Der Pöbel zog einfach weiter zum nächsten Haus und rief laut: »Stürzt den Fürsten! Gratis Holz für alle!»

Auch der Mann, mit dem ich gesprochen hatte, lief nun der Menge hinterher und trat mal hier und mal dort gegen eine Hauswand, einen Karren oder was ihm sonst vor die Füsse kam.

Ich wollte mich gerade bei einem alten Muttchen nach einem Laden erkundigen, in dem ich Salz kaufen könnte, da brachen ein paar Häuser vor uns Flammen durch die Fenster eines Hauses. «Der Krämer, der verfluchte Hund!», fauchte die Alte. «Soll der dreckige Bandit seine Wucherpreise woanders verlangen!» Und mit diesen Worten eilte auch sie zum Brand und rief: «Tötet alle Krämer!» Nun, mir schien, dass ich in nächster Zeit nicht der Einzige sein würde, der kein Salz bekam. Allerdings breitete sich der Brand nun schnell auf die anderen Häuser aus und die ersten Menschen flüchteten in meine Richtung.

«Der verdammte Fürst und seine Krämer legen unser Dorf in Schutt und Asche!», rief einer. «Retter euch, der Fürst hat uns den Krieg erklärt!», ein anderer. Vom Fürsten war indes keine Spur.

Mir reichte es, und so überliess ich dieses Volk seinem Treiben und machte mich in die nahe Stadt auf. Ich würde halt dort übernachten müssen.

Es dunkelte bereits ein, als ich dort ankam. Im letzten Licht des Tages fand ich ein Gasthaus, das mir ein Zimmer für die Nacht gab.

Etwas später, als ich vor Wein, einem Stück Fleisch und Brot an einem Tisch sass, erzählte ich einem der Herren, die dort sassen, was ich am Morgen erlebt hatte, und erkundigte mich, ob denn stimme, was ich über die Erhöhung des Holzpreises gehört hätte. «Och, man muss nicht immer glauben, was einem das Landvolk erzählt. In der Tat ist das Holz teurer geworden. Aber doch nur, weil diese Leute nebst dem Holz der Allmend-Wälder auch noch jeden Baum rund um das Dorf geschlagen und verkauft haben. Nur ein kleiner Teil wurde zum Heizen und Kochen genommen. Dieses Treiben ging manches Jahr, und jetzt, wo kaum noch Wald da ist, wird natürlich das Holz teurer.»

Er erzählte weiter, dass dies auch nicht das erste Dorf sei, das von seinen eigenen Bewohnern demoliert worden sei. Danach stünden sie dann mit Mistgabeln und Stöcken bewaffnet vor des Fürsten Schloss und verlangten von ihm Geld, um sich neue Häuser bauen zu können. «Aber der Fürst hat doch schon lange nichts mehr zu sagen und kann ihnen auch kein Geld geben. Jedes Dorf hat seit Jahren einen Gesandten im Rat, der mit allen anderen die Gesetze macht, die Preise festlegt und auch alles andere regelt. Was wollen sie also?»

Nun verstand ich gar nichts mehr und hatte auch nichts mehr dazu zu sagen. Wir wechselten das Thema und diskutierten darüber, wo in der Stadt der beste Wein zu kaufen sei.

Am nächsten Morgen machte ich meine Besorgungen und trat den Rückweg an. Als ich am frühen Nachmittag zu dem Dorf kam, jammerten dort die einen und zürnten mit erhobenen Mistgabeln die anderen. Ich machte mir mein Messer locker, falls einer der Spinner auf falsche Gedanken kommen würde, und packte meinen Stock fester.

«Seht, was der Fürst angerichtet hat!», rief mir einer entgegen. «Niedergebrannt hat er alles und will uns nun auch noch das Holz für den Neubau verweigern!» «Habt ihr nicht einen, der im Rat euer Dorf vertritt? Wieso setzt nicht der sich für euch ein?», fragte ich den Ereiferten. «Ach was, kommt mir nicht mit dem Rat. Jeder arbeitet in seine eigene Tasche. Das Volk hat doch nichts zu sagen!» «Aber habt ihr diesen denn nicht selbst gewählt?», hakte ich nach. «Was willst du eigentlich!», schrie der Mann gehässig, «mach, dass du fort kommst! Willst wohl uns die Schuld geben für den ganzen Schlamassel, was? Steckst wahrscheinlich mit dem Fürsten und seinen ausländischen Arschkriechern unter einer Decke! Scher dich fort, sonst steht’s was!»

Ich tat von Herzen gerne, wie mir geheissen, und trat mit schnellem Schritt den Heimweg an.

Als wir am Abend bei einem Glas des ergatterten Weines zusammensassen, wollte nicht einmal Kirlefing die Geschichte glauben. «Menschen tun dumme Dinge, aber mein lieber Smy, diese Geschichte hast du erfunden!» Alle lachten und zeigten mir so ihren Respekt, denn ich hatte ohne mit der Wimper zu zucken eine wirklich haarsträubende Geschichte erzählt. Ich klärte sie nicht darüber auf, dass alles wahr war. Wozu auch. Menschen tun eben dumme Dinge – ob nun in Wirklichkeit oder in einer Geschichte, spielt letztlich keine Rolle.

 

©Simon Meyer, 2018

Das kleine Ehebuch

15.12.2018

Am 6. Januar 2018 fand ich beim Entkernen des Dachstockes ein kleines Büchlein namens «Das kleine Ehebuch in Fragen und Antworten». Geschrieben hat es ein Josef Hüssler im Jahr 1944. Die kirchliche Druckerlaubnis (!) erteilte das Bischöfliche Ordinariat Chur am 24. Mai 1944, und zeichnet als Druck der Buchdruckerei «Das Aufgebot» Buochs.

Zitat Seite 50/51:

«Was ist ,,freie” Liebe?

Damit bezeichnet man ein eheloses Verhältnis zwischen Mann und Frau, das ihnen den Genuß ihres Trieblebens bringen soll. Sie schalten bewußt und vorsätzlich den ersten Zweck des von Gott gegebenen Triebes der Liebe aus, das Kind. Ihr Streben geht nach einem Höchstmaß sinnlicher Lust und nach einer möglichst sichern Verhinderung neuen Lebens. Solche Leute betrachten die Mittel zur Verhütung neuen Lebens als eine hohe Errungenschaft unserer Zeit! Eine solche Einstel­lung bringt die Menschen auf eine niedrigere Stufe als das Tier. Es ist ein Mißbrauch des eigenen Le­bens und ein Verbrechen am Staat, an der Mensch­heit. »”

Zeiten ändern sich. Manchmal. Manches bleibt gleich. Allzu oft. Vor Kurzem sah ich eine Dokumentation über die Ultrarechten, die neuerdings in Europa und den USA oder etwa Brasilien, Indien, Israel usw. an die Macht drängen. Und was musste ich da hören? Dass offenbar jeder von denen das Ehebuch nicht nur zu Hause hat, sondern auch ganz und gar ernst meint und umzusetzen gedenkt.

Ich scheue mich natürlich nicht, solches Geschreibe, ob vom vorigen oder diesem Jahrhundert, als gefährlichen Nonsens zu betiteln. Die Diskriminierung Andersdenkender, von Menschen mit anderen Lebensplänen oder anderem oder gar keinem Glauben hat Hochkonjunktur. Es ist an uns, mit aller Vehemenz dagegen anzugehen.

«Was ist freie Liebe?

Damit bezeichnet man eine Beziehung zwischen zwei oder mehr Menschen, die sich  in ihrer sexuellen Ausgestaltung nicht durch religiöse oder gesellschaftliche Normen binden lassen wollen. Sie lieben sich um der Liebe willen mit allen Rechten und Pflichten, die ein respektvolles Miteinander vorsieht. Sie streben nach einem Höchstmass an sinnlicher Lust. Solche Leute betrachten die Mittel der Verhütung als sehr nützlich und als eine grosse Errungenschaft unserer Zeit! Eine solche Einstellung bringt die Menschheit auf eine neue gesellschaftliche Stufe, denn sie fördert die Freiheit des Geistes und des Körpers, wirft die Ketten der religiösen Knechtschaft und gesellschaftlichen, überkommenen Moral ab, und schafft so einen besseren Staat und eine bessere Menschheit!»

 

Das Büchlein habe ich gescannt und hier ins Netz gestellt: Das kleine Ehebuch

© Simon Meyer, 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nienetwiler-Kultur

8.12.2018

Nach Jahren der Suche ist nun endlich eine Keramik der Nienetwiler-Kultur aufgetaucht. Unsere Fachleute datieren sie um ca. 5000 vor unserer Zeit.

Nienetwil! Für Archäologen das Atlantis der Träumer, allerdings weit realer. Noch bis ins 17. Jh. existierte der Ort und es gibt verschiedene Berichte darüber. Bis vor Kurzem war jedoch absolut nicht klar, wo der Ort lag. Das hat nun ein Ende. Aus Sicherheitsgründen kann hier der Fundort nicht preisgegeben werden, denn die Gefahr, dass Raubgräber sich darüber hermachen, ist zu gross. Was wir allerdings sagen können, ist, dass sich der Fundort im Kanton Luzern befindet.

Der Grabungstechniker Nomis Arbogast gab uns ein kurzes Interview.

Herr Arbogast, viele Legenden ranken sich um die Geschichte Nienetwils. Nun ist ein erster wichtiger Schritt gemacht, nämlich das Auffinden des Ortes. Wie fühlt man sich dabei, Geschichte zu machen?

Nun, ich fühlte mich natürlich wie damals Heinrich Schliemann, als der Troja gefunden hat. Es war einfach überwältigend. Zuerst einmal hatten wir aber bange Zeiten, denn natürlich wussten wir nicht von Anfang an, dass wir Nienetwil gefunden hatten. Das musste erst noch durch verschiedene Sondierungen und Untersuchungen bestätigt werden.

Welche Auswirkungen auf die Geschichtsschreibung hat der Fund?

Oh, da fragen Sie mich was. Die Auswirkungen sind momentan noch nicht abzuschätzen, aber wir sind heute der Meinung, dass ganz sicher das eine oder andere umgeschrieben werden muss.

Inwiefern?

Nun, zum einen scheint es so zu sein, dass von Nienetwil verschiedene starke Einflüsse auf die Kulturen in der schweizerischen Vergangenheit ausgegangen sind. So zum Beispiel auf die Keramikformen, auf das Design verschiedener Gebrauchsgegenstände und mehr. So haben wir einen eindeutigen Beweis dafür, dass die Nienetwilerinnen und Nienetwiler in den Belangen der Astronomie allen anderen Kulturen um Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende voraus waren.

Nienetwil ist untergegangen, vielmehr einfach vom Erdboden verschwunden. Gibt es heute Menschen, die von den Nienetwilern abstammen?

Auch das können wir leider nicht beantworten. Wir haben Gräber gefunden. Sofern in den Knochen noch DNA aufzuspüren ist, werden wir vielleicht einmal mehr wissen.

Herr Arbogast, vielen Dank für dieses Interview.