Archiv der Kategorie: Baudokumentation

Substanzerhalt

Die vermaledeite Gravitation ist dafür verantwortlich, dass mehrgeschossige Häuser Treppen brauchen. Man sollte sich also überlegen, ob man sie nicht abschaffen möchte, denn dadurch könnte viel Geld gespart werden.

Wie auch immer, Treppen sind leider ein Muss.

Vom zweiten Stockwerk der Löffelburg führte eine Treppe steil hinan in den Dachstock, wo sich nun das Büro befindet. Ich schreibe mit Bedacht «führte», denn wo einst eine Treppe war, führt nun eine Art Katzentreppe hinauf.

Was war geschehen? Ein Schreiner war geschehen. Oh Lignarius, oh Vidulum!

Also die alte Treppe, ein mit grauem Spannteppich überzogenes hässliches Ding, schief, knarrend und mit Stufen, von denen sich jede in Tiefe und Neigung in einem Mass von den anderen unterschied, dass man sich manchmal fragte, ob sie dies mit Absicht tat.

Das Teil musste also raus und eine neue Treppe rein. Diese wollte ich zusammen mit dem Schreiner Bruno Boog bauen. Doch als dieser kam und meine hässliche alte Treppe sah, war er vor Freude ganz aus dem Häuschen. «Eine gotische Treppe!»

Na toll, dachte ich, demnach wird es teuer! Die Treppe mit Baujahr ca. 1617 habe ich nun abgebaut. Die einzelnen Stufen werden gereinigt, wieder instand gesetzt und danach wieder montiert.

Dann werde ich eine aufgefrischte hässliche alte  Treppe haben, aber ich werde sagen können: «Die ist vierhundert Jahre alt und original!»

Substanzerhalt, sagen die Denkmalpfleger/innen dem. Und wer denkt an die Substanz in meiner Brieftasche?

Denkmalpflege …

Unten die Abbildung einer gotischen Treppe aus dem frühen 16. Jh. Die Treppe in der Löffelburg hätte ähnlich ausgesehen. Leider hat man den Stufen in den 1950er-Jahren die «Nase», also das kleine vorstehende Profil abgehackt, um sie besser mit Brettern einkleiden zu können.

Gotische Holztreppe aus der Einhardtbasilika im Odenwald. Quelle: http://treppenforschung.de/stile_1/gotik/

Und hier das Foto des einzigen Fundes aus der Treppenverfüllung aus Tannreisig, Staub, Schmutz, Blättern und Ästen – ein Klaueneisen, also ein Hufeisen für Rinder und Ochsen. Das Eisen ist mit 12cm relativ klein und wurde wohl für die Klaue (links vorne) eines Rindes angefertigt.

Klaueneisen (LB_001-78) aus Treppenverfüllung Treppe R27/R30.

LB_001_77.001-016

Derweil die halbe zentraleuropäische  Welt im Stau Richtung Süden stand und und etwas für die Klimaerwärmung tat, nämlich über Stunden bei laufendem Motor (Klimaanlage) Fahrzeugschnauze an Fahrzeugarsch sich gegenseitig die Abgase in den Zufuhrkanal für die Frischluft zu blasen und die Umgebungstemparatur um ca. 1.278°C zu erwärmen, während sich also dieser ganze geistesschwache Unsinn auf fast allen Autobahnen abspielte, machte ich wieder einmal Löcher in unser Haus. Genau gesagt ein Loch.

Wer über die Baugeschichte der Löffelburg bescheid weiss, dem/der ist auch bekannt, dass kaum je eine grössere Naturgewalt über das Haus gekommen ist als meine Wenigkeit – und dies inlusive der beiden verherenden Hochwasser und dem Dorfbrand.

Ein 10Kg Vorschlaghammer, ein Brecheisen und einen Bausauger. – nackte, rohe Gewalt, gepaart mit dem Verlangen aus alt neu zu machen und endlich mit dem Umbau fertig zu werden.

Gen Himmel hob Thor den Hammer empor

und wild war das Antliz des Asen

Hernieder krachte die himmlische Kraft

getroffen blieb das Gemäuer liegen.

So also tat ich im Treppenhaus des 2. OG, als ich den alten Einbauschrank der unter die Treppe zum Dachgeschoss verbaut war niederriss.

Doch bei allem Ungestüm, lass ich doch immer Vernunft walten. Und so war der Abbruch des Schrankes natürlich um ein vielfaches weniger brutal. Als Belohnung wurden mir dafür etwa acht Seiten aus dem Zahlbüchlein der Löffelburg, oder vielmehr der St. Afra-Pfrund beschert. Die Blätter stammen aus den Jahren 1774 bis 1789, und listen entweder getätigte Zahlungen oder Einnahmen aus. Momentan ist das noch nicht genau zu erkennen.

Die Blätter habe ich sorgfältig vom Holz gelöst, getrocknet und eingescannt. Fundnummer: LB_001_77.001-016.

Nun warten sie, provisorisch in einem Couvert, bis ich säurefreies Papier bekomme, und  einem Moment in dem ich die Zeit finde, alles zu entziffern. Damit ich das spröde Papier nicht wieder berühren muss, habe ich alle Teile eingescannt und im Photoshop hochgeladen. Da kann ich dann probieren was wie zusammenpasst.

 

Samstag 19.4.19, 10.11 Uhr

Samstag 19.4.19, 10.26 Uhr

Samstag 19.4.19, 10.37 Uhr

 

Treppenschräge zu DG. Abriss des Einbauschrankes, An der wand in der ersten Schicht die Seiten aus den Zahlbüchlein, und in der Zweiten Schicht Seiten aus einer Zeitung ca. 1830.

Seiten von Zahlbüchlein 18. Jh.

Gescannte Seiten zum berührungsfreien Zusammensetzen in Photoshop importiert.

 

 

 

 

Neue Lehmheizwand

Im Dachstock der Löffelburg, wo das Studio und Büro von Foto-x.ch hinkommt, haben wir eine Heiz-Lehmwand gebaut. Heute wurde der Feinputz aufgetragen. Nach dem Anbringen des Windpapiers und dem Stellen des Rahmens wurden erst 22 cm Isofloc eingeblasen und dann der Rahmen für die Lehmwand gesetzt. Darauf montierte der Lehmbauer* Urs Elsener die Lehm-Heizelemente. Mir blieb es dann, den Feinputz (Dante Weiss) aufzutragen.

Produkte:
Windpapier: DuPont Tyvek
Isolation: Isofloc
Dampfbremse**: SIGA Majpell
Lehmelemente: OBM-Bionik, WEM-Lehm-Klimaelemente
Feinputz: OBM-Bioni Feinputz Dante Weiss

Beteiligte Firmen:
Zimmermann Holzbau AG, Herlisberg
Urs Elsener Lehmbau, Ennetmoos
Wey Sanitär/Heizungs AG, Beromünster

… und Ihrer Löffelburgischen Majestät Sklave Herr SMY

* Lehmbauer: Im Gegensatz zur landläufigen Meinung baut der Lehmbauer keinen Lehm an.

** Dampfbremse: Im Gegensatz zur Pferdebremse ist die Dampfbremse kein Insekt, sondern eine diffusionsoffene Folie.

Back to the Future

Verwendungsmöglichkeiten

Die Erschaffung Adams, Decke der Sixtinischen Kapelle, Michelangelo, Rom, Vatikan

Lehm. Tolle Sache! Angeblich soll früher mal ein Mensch daraus gemacht worden sein. Hat aber irgendwie nicht recht funktioniert (wen wunderts, das Schnabeltier sei angeblich aus derselben Produktion). Das Modell war glaub ich fehlerhaft oder so und wurde samt seinem Weibchen, das er irgendwie aus sich rausgeschnitten haben soll (iiihhh!), verjagt. Ehrlich gesagt bin ich etwas skeptisch dieser Geschichte gegenüber, aber wie auch immer.
Lehm ist trotzdem eine gute Sache. Man kann ihn brennen und Ziegel oder Geschirr daraus machen, oder man geht wirklich back to the roots und belässt ihn einfach, wie er ist.

Eine besonders gute Erfindung war das Lehm-Heizelement. Eine Lehmplatte vermischt mit einem Armierungsmaterial wie z. B. Stroh. In die Platte werden Heizröhren eingelegt, solche, die auch für Bodenheizungen benutzt werden.

Das warme Wasser erwärmt die Lehmplatte und diese wiederum erwärmt, richtig an eine Wand montiert, uns.

Ein Produkt aus der Vergangenheit ,das zukunftweisend ist. Zu wenig beachtet, zu wenig genutzt, ein verkanntes Genie sozusagen …

Erfahrung

Als wir die Löffelburg erstürmt hatten und uns in dem alten Gemäuer einzurichten versuchten, standen noch diese Öl-Öfen herum, trockneten die Luft aus, stinkten vor sich hin und waren im Verbrauch unökologisch und unökonomisch. Was Neues musste her, aber was?

Da wir sowieso auf eine Luft-Wasser-Wärmepumpe umgestellt hatten, war es, vom Verbrauch betrachtet, klar, dass eine Niedertemperatur-Heizung rein musste. Also keine Radiatoren.

Aufgrund der Platzverhältnisse und der Art, wie das Haus gebaut ist, kam auch Bodenheizung nicht in Betracht (ist eh nicht besonders gesund). Nachdem ich lange recherchiert hatte, war klar: Lehm-Heizwände.

Lehm-Heizwand im Dachgeschoss, dem zukünftigen Foto-x.ch Studio/Büro.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Lehm gleicht in besonderer Weise die Luftfeuchtigkeit in einem Raum aus. So sinkt die Luftfeuchtigkeit in der Löffelburg, auch während der Heizsaison, nie unter 55 % relativer Luftfeuchtigkeit.

Der Energieverbrauch ist minimal und die Heizkosten betragen ca. 1/5 der Öl-Öfen.

Den Holzroste habe ich vorbereitetund die Montage machte Urs Elsener aus Ennetmoos.

Urs Elsener montiert die Lehm-Heizwand im Esszimmer.

Nach dem Montieren der Heizelemente werden diese mit Lehm verputzt.

Verputzen der Lehmwand auf Netz.

In einem Zimmer habe ich die Wand mit einem blau eingefärbten Kalk-Feinputz nachgearbeitet.

Nachteil (ja, ich sehe nur diesen einzigen)

An den Lehmwänden dürfen natürlich nicht einfach Nägel eingeschlagen werden. Die Gefahr eine darunterliegende Leitung zu treffen, ist zu gross. Auch wäre es ja nicht besonders sinnvoll, ein Bild an eine Lehmwand zu hängen, die dem Heizen dient.

Fazit

Die Lehmwand ist noch kaum verbreitet und wenig bekannt. Schade, denn es ist eine supergeile Sache.

  • Luftfeuchtigkeit wird ausgeglichen
  • Lehm wirkt antiseptisch
  • Lehm filtert die Luft (nie wieder Fondue-Geruch am nächsten Morgen!)
  • Die Kosten sind etwas höher als ein Radiator, aber der niedrige Stromverbrauch macht das wieder wett.
  • Der Lehm kann immer wieder nachgearbeitet werden (andere Farbe, Körnung usw.)
  • Der Nachteil, dass die Wand nicht verstellt oder behängt werden darf,  ist für mich von geringer Bedeutung.

Wer sich dafür interessiert, findet bei der IG-Lehm www.iglehm.ch  alle notwendigen Informationen.

Mulden Meyer

Endlich ist es so weit – vor der Löffelburg steht wieder eine Mulde!

Was haben wir gewartet, gebangt, mit stechendem Schmerz im Herz die schreckliche Leere vor der Löffelburg gesehen. Schluss damit. Lastwagen, der Gestank von Diesel, das Scheppern und Rasseln von Ketten und Haken. Piiip … piiiep … noch etwas zurück, noch etwas piiiep … und runter damit, ja, genau da! Perfekt. Schöne Mulde! Der Dieselqualm war kaum entfleucht, da ratterte schon der Inhalt eines ersten Baukessels hinein. Staub setzte sich über Beromünster und machte die Herzen froh. Und noch ein Kessel und jawohl, noch einer!

Nun ist die Mulde schon wieder halb voll und es schmerzt mich nicht nur der Rücken, sondern auch das Herz. Denn wenn sie voll ist, fürchte ich (ah verdammt, wie soll ichs ertragen?), dass wir für etliche Monate wieder einfach an die leere Hauswand starren müssen.

Ob ich mir vielleicht einfach eine kaufen soll? Man könnte sie immer noch als Pool benutzen oder sie einfach nur wegen Schön vors Haus stellen. Was so was kosten würde? Hmmmm …

 

Der Spruch übrigens diesmal: «Kunst ist, wenn’s auch eine Mulde tut!»

Das kleine Ehebuch

15.12.2018

Am 6. Januar 2018 fand ich beim Entkernen des Dachstockes ein kleines Büchlein namens «Das kleine Ehebuch in Fragen und Antworten». Geschrieben hat es ein Josef Hüssler im Jahr 1944. Die kirchliche Druckerlaubnis (!) erteilte das Bischöfliche Ordinariat Chur am 24. Mai 1944, und zeichnet als Druck der Buchdruckerei «Das Aufgebot» Buochs.

Zitat Seite 50/51:

«Was ist ,,freie” Liebe?

Damit bezeichnet man ein eheloses Verhältnis zwischen Mann und Frau, das ihnen den Genuß ihres Trieblebens bringen soll. Sie schalten bewußt und vorsätzlich den ersten Zweck des von Gott gegebenen Triebes der Liebe aus, das Kind. Ihr Streben geht nach einem Höchstmaß sinnlicher Lust und nach einer möglichst sichern Verhinderung neuen Lebens. Solche Leute betrachten die Mittel zur Verhütung neuen Lebens als eine hohe Errungenschaft unserer Zeit! Eine solche Einstel­lung bringt die Menschen auf eine niedrigere Stufe als das Tier. Es ist ein Mißbrauch des eigenen Le­bens und ein Verbrechen am Staat, an der Mensch­heit. »”

Zeiten ändern sich. Manchmal. Manches bleibt gleich. Allzu oft. Vor Kurzem sah ich eine Dokumentation über die Ultrarechten, die neuerdings in Europa und den USA oder etwa Brasilien, Indien, Israel usw. an die Macht drängen. Und was musste ich da hören? Dass offenbar jeder von denen das Ehebuch nicht nur zu Hause hat, sondern auch ganz und gar ernst meint und umzusetzen gedenkt.

Ich scheue mich natürlich nicht, solches Geschreibe, ob vom vorigen oder diesem Jahrhundert, als gefährlichen Nonsens zu betiteln. Die Diskriminierung Andersdenkender, von Menschen mit anderen Lebensplänen oder anderem oder gar keinem Glauben hat Hochkonjunktur. Es ist an uns, mit aller Vehemenz dagegen anzugehen.

«Was ist freie Liebe?

Damit bezeichnet man eine Beziehung zwischen zwei oder mehr Menschen, die sich  in ihrer sexuellen Ausgestaltung nicht durch religiöse oder gesellschaftliche Normen binden lassen wollen. Sie lieben sich um der Liebe willen mit allen Rechten und Pflichten, die ein respektvolles Miteinander vorsieht. Sie streben nach einem Höchstmass an sinnlicher Lust. Solche Leute betrachten die Mittel der Verhütung als sehr nützlich und als eine grosse Errungenschaft unserer Zeit! Eine solche Einstellung bringt die Menschheit auf eine neue gesellschaftliche Stufe, denn sie fördert die Freiheit des Geistes und des Körpers, wirft die Ketten der religiösen Knechtschaft und gesellschaftlichen, überkommenen Moral ab, und schafft so einen besseren Staat und eine bessere Menschheit!»

 

Das Büchlein habe ich gescannt und hier ins Netz gestellt: Das kleine Ehebuch

© Simon Meyer, 2018