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Scapulamantie

Bereits vor Jahrtausenden wurde mit rohen oder, z. B. in der Mongolei, angebrannten Schulterknochen Weissagung betrieben.

Man kann sich nun ernsthaft fragen, welchen Wissensbeitrag ein angekokelter Lammknochen wirklich leisten kann.

Weiss das Ding mehr als wir, und wenn ja, was? Oder ist es möglicherweise so, dass der Knochen gar nichts weiss und die Antworten von a.) dem Hellseher oder  b.) dem Jenseits/Götter/Geister kommen?

Diesen Fragen gingen wir im Kantonsmuseum Luzern in einer interdisziplinären Gruppe nach und kamen zu erstaunlichen Ergebnissen.

Die Techniken der Wahrsagerei:

  1.  Das «Sichten» in Trance
  2.  Das «Sichten» in der Betrachtung von Details
  3.  Der Vergleich von Erfahrenswerten

Das «Sichten» in Trance

Die Hellsehenden/Weissagenden begeben sich durch Meditation, und oft durch Zuhilfenahme von Drogen, in Trance. Das Geweissagte wird je nach Weltregion als Eingebung eines Gottes/Dämons/Geistes oder Ahnen gedeutet oder als Wissen, das man aus sich selber schöpft.

Das «Sichten» in der Betrachtung von Details

Die Hellsehenden/Weissagenden betrachten eingehend den Knochen. Farben, Formen, Details usw. wecken Assotiationen, sie sehen etwa Gegenstände darin oder die Assotiation an einen Menschen. Dies alles wird zu einer Aussage zusammengebracht.

Der tradierte Bilder

Die Hellsehenden/Weissagenden betrachten den Knochen und suchen in ihrer Erinnerung oder nach überliefertem Wissen, die eine Aussage zu z. B. abgebrochenem Angelus Superior machen. Es sind also, ähnlich wie bei Tarot-Karten, festgelegte Bilder, die eine festgelegte Antwort zur Folge haben.


Das Team hat an dem Knochen verschiedene Experimente gemacht. So wurde zum Beispiel ein Loch in den Knochen gebohrt, um herauszufinden, ob sich in dem Knochen etwa Wissen verstecken könnte. Es war jedoch nur Knochen drin.

Des Weiteren fanden wir verschiedene Freiwillige, die nur zu gerne bereit waren, den Knochen im Drogenrausch zu untersuchen.

Die Fragen:

Lebt Elvis noch?

Wie wird das Wetter morgen?

Welche Farbe hat meine Unterwäsche?

Wo liegt der Heilige Gral verborgen?

Die Fragen konnten von den Testpersonen weder vollständig noch richtig noch einheitlich beantwortet werden.

Wir einigten uns daher darauf, dass die Drogen alleine nicht zu Einsichten führen können.

 

Über das Sichten von Details konnte ebenfalls keine richtige Antwort auf eine der obgenannten Fragen gefunden werden.

 

Und letztlich konnte auch die dritte Technik keine befriedigenden Antworten liefern.

Wir kamen also zum Schluss, dass die mit einer dieser Techniken geäusserten Weissagungen nicht konkrete Fragen beantworten können, sondern vielmehr der/die Fragende selber die zu interpretierende Deutung gibt.

 

FAZIT:

Weissagungen sind ungenau, subjektiv und können ganzen Völkern das Leben schwer machen, wenn die Interpretation falsch war. Auch privat kann die Weissagung: «Man wird weitherum von dir hören!» vieles bedeuten. Auch, dass man weitherum von einem hört, weil man mit hundert km/h eine Tankstellenzapfsäule erwischt hat.

Weissagungen regen also zum Nachdenken an. Sie sind Denksport, der auch Selbstreflektion verlangt, jedoch nie eine Lösung auf eine Frage bringt. Die Scapulamantie kann also gut als Alternative zu anderen Zeitverschwendungen, wie etwa das Schauen der SRF-Nachrichten oder «The World of Warcraft»,  sportlichen Betätigungen oder dem Reparieren eines PCs betrieben werden.

 

Gerne laden wir Sie zu unserer Sonderausstellung im Kantonsmuseum Luzern ein. Bringen Sie einen alten Knochen mit, wir werden Ihnen helfen, ihn fachgerecht zu sichten.

 

Der Berg ruft

Neues Bild von d’Aciel Arbogast: «Der Berg ruft»

«Den Prozess des Abtragens und Auftragens dokumentieren zu können, ist ebenso Bestandteil des Bildes wie die Wahl des Ausschnitts, der Farben und natürlich des Inhalts.

Kratzend und schabend nimmt das Werkzeug Material von der Wand. Hinterlässt seine Spuren, seine Zeichnung.

In diesem Sinne sind die Bilder von d’Aciel Arbogast gleichsam auch  Seelenbilder von Baustellen.»

Sten van de Gellen, «Journal des arts, 6/12, 2019»

Das Bild ist, wie alle Kunstwerke von d’Aciel Arbogast, nur als Fotografie  erhältlich. Wie man ja weiss, werden alle Originale zerstört.

Freie Radikale

Mit dem Werk «Freie Radikale» zeigen wir euch ein neues Werk Arbogasts. 

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«Der einzelne Mensch als Individuum, das sich von allen anderen unterscheidet, ist und bleibt dennoch Teil der Masse und ihrer Zwänge. Sich in aller Radikalität zu hinterfragen und seine Erkenntnisse ebenso radikal umzusetzen, ist Voraussetzung, sich als freies Radikal aus der Masse zu lösen.

Jede Form des Opportunismus knechtet den Geist des Individuums und stärkt die Massenträgheit, die Verklumpung, den Stillstand und damit das unendliche Sein der dieser Masse innewohnenden moralischen Gesetze.»

So äusserte sich Prof. Dr. Heribert Brunzweiler von der Fakultät der Künste zum Bildtitel. Arbogast d’Aciel quittierte dies mit den Worten: «Ah, geh scheissen, Oada!»

In seinem Interview in der Sendung «Kunst» vom 24.6.2019 meinte er selber zu dem Bild: «Wir brauchen nicht ständig den Begriff der Kunst zu bemühen. Wozu soll das gut sein, und vor allem, was soll diese Kunst sein? Sie interessiert mich nicht, die Kunst. Mich interessiert die Tat. Am wenigsten  interessieren mich die Gespräche der herumstehenden Gaffer und der akademischen Schwätzer, die alles und jedes verkomplizieren und in eine Sprache quetschen, die ein normaler Mensch nicht mehr verstehen kann. Ich erinnere mich an einen sehr berühmten Wiener Künstler – leider ist mir der Name entfallen – der mich einmal an einer Ausstellung anschubste, auf ein Bild zeigte und meinte ‚Schö is, gö!‘.»

Da das «Geh scheissen, Oada!» ebenfalls von diesem Künstler stammt, fand ich es angebracht, ihn nach der Rede Brunzweilers zu zitieren.

Mein Bild ist nicht schön, es ist will auch nicht schön sein, und besagter Künstler hätte dazu wahrscheinlich gesagt: «Schö göbs Pickarl, wo hostn des hea?» «Ausm Baumarkt», hätte ich geantwortet und gesagt: «Die Recycling-Gummimatte und die Farbe auch. Hat alles kaum mehr als einen Zwanziger gekostet.»

«Jo, fein hasts gmacht, aweng schiach, oba a schö göbs Pickarl!»

Das Ei des Kolumbus

Die meisten Museen haben eines gemeinsam: Sie stellen alten Plunder aus. Geschichte eben.

«Schaut, Kinder, damit haben früher die Ritter einander die Eingeweide aus dem Körper gehackt. Nennt sich Hellbarde und wurde in der Schweizerarmee 1983 durch das Sturmgewehr 90 ersetzt. Oder das dort, das ist eine römische Tonscherbe. Man nennt sie Terra Sigillata. Da noch eine, und da noch eine etwas kleinere. Diese ist etwas grösser, diese ist etwas röter, da noch eine und da und das da ist glaube ich nur ein Kaugummi.

Auch Kunstmuseen stellen meist altes Zeug aus, weil die neuen noch nicht berühmt sind. Da gibt es van Gogh, Picasso, Dali, Rubens, und dann noch einige andere, aber die sind nicht so wichtig. Das da ist ein Sonnenblumenfeld. Der hat gespinnt, der van Gogh, drum hat er das so ein bitzeli unnatürlich gemalt. Das da ist vom Rubens. Seine Frau war etwas beleibt, grösser als er und sehr, sehr hartnäckig. Drum musste er sie immer wieder malen. Das da vorne ist der Kiosk. Dort könnt ihr von allen Postkarten kaufen, und wer will einen Kaugummi. Ah, und dort der Dali! Der hat auch ein bitzeli gespinnt. Alles ist ganz verzogen und seltsam; auch die Uhren und alles. Ich glaube, er mochte Kaugummi.»

Nun, ich muss nicht weiterschreiben. Wir alle haben die wahrscheinlich langweiligsten Stunden unserer Jugend sicher gut memoriert. Natürlich liegt das nicht nur an den Museen. Dass Anita – oder hiess sie Barbara? –  und ich grad vier Tage «zusammen» waren, hat mich sicher abgelenkt, oder überhaupt das Dingens mit der Pubertät. Aber so ganz grundsätzlich sind Museen, vor allem auf dem Land, doch eher ganz schrecklich langweilig.

Doch das muss nicht sein. Das Kantonsmuseum Luzern in der Löffelburg ist saumodern, hip wie ein schwuler schwarzer Rabbi namens Ahmed und so interaktiv, dass selbst das Smithsonian Institute gerne wissen wollte, wie wir so etwas machen können.

Beispiel gefällig?

Das Ei des Kolumbus. Das haben wir. Natürlich! Jedes Museum braucht etwas furchtbar Geiles, das die Leute anzieht. Und wenn man das nicht hat, dann tut man wenigstens so, als ob das, was man hat, furchtbar geil wäre.

Wir also haben das Ei des Kolumbus, das ich höchstpersönlich und ungelogen besorgt habe.

Na und?, werdet ihr euch nun fragen. Was ist daran so besonders?

Es ist hyperinteraktiv!

Was ist das Ei des Kolumbus? Folgendes war passiert. Chris, wie er von seinen Freunden genannt wurde, hatte im Atlantik einige völlig zugewucherte Inseln angefahren. In der Meinung, er hätte Indien entdeckt und dies sein nun wirklich die Reise nicht wert gewesen, fuhr er frustriert wieder nach Spanien zurück. Dort angekommen, wurde er natürlich zu einem Bankett eingeladen. Die Anwesenden konnten ja nicht ahnen, dass das, was Kolumbus da entdeckt hatte, nicht Amerika war – das im Übrigen vorher schon von Indianern, später den Wikingern und noch später Amerigo Vespucci, der Amerika seinen Namen gab, entdeckt worden war –, sondern die Bahamas, und Kolumbus in seiner verqueren Art auch noch behauptete, es sei Indien. Genuesen!

Nun ja, er wurde mächtig gefoppt an dem Abend, denn nach der fünften oder sechsten Sangria war man allgemein der Meinung, dass es nicht gerade schwierig sei, einfach über das Meer zu fahren und irgendwann Indien zu entdecken.

Da Kolumbus während seiner gesamten Fahrt zu den Bahamas nur Alkohol getrunken hatte – das Wasser war schon brackig angeliefert worden –, war er recht gut geeicht und sein bisschen Verstand war noch beisammen. So rief er nach einem gekochten Ei, das ihm auch alsbald gebracht wurde.

«Stellt dieses Ei auf seine Spitze, dass es stehen bleibt!», rief er den Anwesenden zu und gab das Ei in die Runde. Jede und jeder versuchte es, scheiterte aber kläglich. Zuletzt waren alle etwas geknickt und behaupteten, dass diese Aufgabe unmöglich zu lösen sei. Da nahm Kolumbus das Ei, und klopfte es mit der Spitze auf den Tisch, dass die Schale einknickte und das Ei still und fest auf der Tischplatte stand.

Ah, da war ein Toben und Rufen. Betrug!, schrie man und irgendeinen rief: «So hätte das jeder gekonnt!» Da nahm Kolumbus das Ei, schälte es und stopfte es sich in den Mund. «Ja»,  gab er mit vollem Mund zurück, «jeder hätte dasch gekonnt, aber nur ich habe esch getan!»

Jetzt schaut es euch gut an, dieses Ei des Kolumbus, und fragt euch, ob ihr zu denen gehören wollt, die tun könnten, oder ob ihr zu denen gehören wollt, die es auch wirklich tun.

So, merkt ihr die Interaktivität, ja? Spürt ihr sie schon?

Gut, weil das Ei wirklich verdammt teuer war und der, welcher es mir verkauft hatte, sagte, es sei wirklich enorm interaktiv!

Gotthard

Das Bild «Gotthard» von d’Aciel Arbogast (180 x 70 cm, Farbe auf Gips) zeigt in seiner rauen Beschaffenheit und eindrücklich groben Art die Brutalität, mit der unsere Alpen für den Verkehr durchstossen werden. Wie zwei Fäuste umschliessen die Felsen die Tunnel, gleich zwei Händen. die jemanden zu erdrosseln suchen. 

Arbogasts Bilder, die stets fotografiert und dann zerstört werden, sind zu Unrecht kaum bekannt. Aber sie sind eben nur als Fotografien überlebend, Mischwesen, quasi Geschaffene, jedoch nicht Vorhandene. Man könnte sich fragen, ob sie je existierten und ob alles nur Fake ist, der Künstler und der Fotograf die einzigen Zeugen, oder aber ein und derselbe sind. Die methodische Stringenz und der klare und ehrliche Stil, der sich durch die Werke Arbogasts zieht, sowie Hunderte dokumentierte Werke strafen solche Verleumdungen, wie sie immer wieder auflodern, jedoch Lüge.

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Die an japanische Holzschnitz-Techniken erinnernde, jedoch mit einem Seitenschleifer produzierten Bilder werden ausschliesslich in Gebäuden, die abgerissen oder totalsaniert werden, direkt in die Wand geflext beziehungsweise gemalt. «Ich liebe Kunst, die dich wie eine Hure von der Seite anmacht – ‘wie wärs mit uns, Schätzchen?’. Es muss einen jucken und anwidern zugleich. Etwas muss hässlich, etwas muss schön sein. Was nicht berührt, ist Dekoration, was geschaffen wurde, um zu berühren, ist Kitsch», sagte unlängst Arbogast an einer Vernissage. Worte, die zu seinen Bildern passen und selbst in den Fotografien dieser vergänglichen Werke zu sehen sind.

Alle Bilder von Arbogast finden Sie hier: ARBOGAST