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Vorstellungskraft

Ein leerer Platz. Nichts. Hinter dem kleinen Bach  und den Bäumen ein Dorf. Man hört Kirchenglocken läuten. Da es 9.40 Uhr ist, muss es Beromünster sein, da hier immer irgendwelche Glocken läuten.

Es ist also Beromünster. Der Parkplatz, im Winter nur von «Hündelern» und Joggern besucht, liegt bis auf eine kleine schwarze Plane leer da. Die Plane. Darunter verborgen Verheissung und Vorstellungskraft. Nichts Besonderes eigentlich. Löschi, Sand, Kohle, Asche, die beim Bau eines Kohlemeilers Verwendung finden können. Und werden. Bald!

In der Vorstellung sehe ich den Kohlenmeiler und Doris Wicki, wie sie nachts um ihn herumgeht, hier etwas klopft und dort ein Luftloch sticht, und dann wieder für eine/zwei Stunden schlafen geht. Rauch steht über dem Meiler und verbirgt wie ein Brautschleier den Blick auf den Mond. Es knistert leise und die Wyna plätschert.

Am Tag wuseln Eltern und Kinder auf dem Platz zwischen Festzelt und Meiler. Es riecht nach Rauch und Träsch. Leute plappern, Hunde bellen, Kinder lachen, es knistert leise und die Wyna plätschert.

Wie gesagt: Bald!

Vorsehung

Der erste Artikel für die neu geschaffene Abteilung für Sprachforschung

Nur weil sich jemand vorsieht, heisst das noch lange nicht, dass er eine Vorsehung hat. 

Eigentlich ist dieser Satz falsch, da die Vorsehung laut Duden eine «über die Welt herrschende Macht» ist, «die in nicht beeinflussbarer oder zu berechnender Weise das Leben der Menschen bestimmt und lenkt».

Eine Vorsehung kann man also nicht haben, man ist ihr unterworfen oder, wie der SMY zum Beispiel, selber eine sein.

Im Mittelhochdeutsch lautete das Wort noch vürsehunge (ist under fürseung standen  = stand unter dem Schutz von)

Aus dem vormaligen Schutz  ist also eine unbeinflussbare Lenkung geworden, oder anders ausgedrückt, aus dem Schutz der Atmosphäre vor Strahlung ist eine unbeeinflussbare Bedrohung aus giftigen Gasen und steigenden Temperaturen geworden.

Der Mensch, könnte man glauben,  ist also nicht mehr derselbe wie damals. Könnte man, denn in Wirklichkeit hat er einfach gelernt, ein Smartphone zu bedienen, und es gibt auch heute noch Menschen, die glauben, unter der Vorsehung ihres Gottes zu handeln oder ihr zu unterstehen.

In neuerer Zeit, als die durch den Kommunismus proklamierte Religionsfreiheit Wörter wie Vorsehung, also eine göttliche Lenkung, aus dem Gebrauch eliminieren wollte, wurden Wörter wie «Geschick»  oder «Schicksal» verwendet. Beide natürlich mit der selben rohen Uausweichbarkeit wie die Vorsehung, denn was einem widerfährt, wurde sozusagen «geschickt».

Ha, das hat die Kirche ja geschickt eingefädelt. Da hat sie wieder einmal Geschick in der Manipulation bewiesen.

Und mit dieser verwirrenden Wortverwendung wollen wir für diesmal Schluss machen und hoffen, die Vorsehung, also die Expansion des Universums, wird sie nicht zu weit von uns wegtragen, sodass sie auch das nächste Mal wieder dabei sind, wenn es heisst:

«Der Weg führt hin!»

Der Rumpf

Die Wortherkunft von Rumpf ist ungewiss. Bekannt ist lediglich, dass das Wort bereits im Mittelhochdeutschen geläufig war.

Dabei ist es doch ganz simpel: Wörter und ihre Bedeutung werden fast ausschliesslich von älteren Erwachsenen definiert, und selbst sogenannte Jugendwörter wie «Geil!», «Mega!» usw. wurden ursprünglich von alten Menschen, in diesen beiden Fällen Wissenschaftler der Biologie und der Mathematik, geschaffen.

Der Rumpf ist daher eine auf Beobachtung des eigenen Körpers entstandene Definition, die den deutlich dem Zerfall anheimgefallenen und in Rümpfen an den Knochen hängenden äusseren Teil des Leibes beschreibt. Alles liegt an einem Rumpf, man nennt es also Rumpf. Vorbild für diese Art des Rumpfes ist das Textil.

Nahaufnahme einer gestrickten Baumwolldecke die in Rümpfen daliegt.

Eine andere Herleitung könnte auch aus dem Geräusch gezogen werden, das die Hautlappen machen, wenn man sie sich über die Schulter zerrt, um sich den Rücken zu rasieren oder auf beunruhigende Hautflecken zu untersuchen.

Eine letzte Möglichkeit, jedoch noch abwegiger als die letzte, ist eine onomatopoetische – und zwar beschreibt das Wort lautmalerisch das Geräusch, das ein Körper macht, der zum Beispiel über herumliegende Hellbarte stolpert und der Länge nach auf den Burghof rumpst.

Zum Rumpf selber gibt es wenig zu sagen. Genau genommen kann man seinen eigenen Rumpf gar nicht betrachten, da das Wort der Definition nach nur den Torso, also den mittleren Körper ohne Beine, Arme und Kopf beschreibt. Das Wort Rumpf übrigens vom Geräusch des Vierteilens herleiten zu wollen, ist Unfug. Hier liegt das Wort Frack viel näher, aber das ist eine andere Geschichte.

Rumpf Wortbedeutungen: Torso, Schwimmkörper des Schiffes, Falten bei Textilien (nur im Schweizerdeutschen (Schweizerisches Idiotikon S. 947 [grümpf, brmüpft, Rompf, Rumpf = faltig, runzelig und «schrumpfig»], auch Schiffsrumpf, Käserumpf, Flugzeugrumpf, Nase rümpfen, usw.

Shar Pei Hund, Foto by Wikicommons, Yana Mishina, CC 3.0

In besonderem Masse und daher als ein unabdingbarer ökonomischer Faktor der Industrieländer anzusehen ist die Angst vor Leibrümpfen bei Frauen.

Venus von Willendorf. Kalkstein, 25’000 vor unserer Zeitrechnung, Foto by Wikicommons, Ziko van Dijk, CC 3.0

Die ab dem zwanzigsten Jahr – und in besonderem Masse nach einer Schwangerschaft – auftretenden Falten treiben die Frauen zu Millionen an die Regale mit Schönheitsmittelchen, Diäten und Abnehm-Trick-versprechenden Heftchen, und Live-Style-Lebensmitteln, zu Schönheitschirurgen und anderen Wunderheilern. Seit Jahren treibt die Angst vor Falten junge Frauen und Mädchen sogar in den Selbstmord. Der Rumpf ist also nicht zu unterschätzen und muss deutlich als Gefahr für den Menschen wahrgenommen werden. Insbesondere, da die meisten Krankheiten direkt im Rumpf ihren Ursprung haben und zum Beispiel Herzinfarkte ohne Rumpf gar nicht vorkämen.

Es steht daher ausser Frage, dass der Mensch sich früher oder später vom Rumpf befreien muss und vielleicht nur noch als Arme existiert (Beine kommen nicht infrage, da die zum Davonlaufen sind). Auch der Kopf als Quelle all dieses Unfugs muss vehement ausgeschlossen werden.

Letztlich bleibt zu hoffen, dass bei geneigter Leserin und geneigtem Leser nicht alles an einem Rumpf liegt oder hängt oder man sich damit möglichst gut eingerichtet hat.

Kulturbeobachtung

Ethnologische Abteilung des Kantonsmuseums Luzern

(Fund LB_001_074)

Die Rasierklinge als generationen- und geschlechterverbindendes Objekt

Barthaare, Kopfhaare, Achsel-, Bein- und Schamhaare, Struppies, Punks und behaarte Rücken – die Rasierklinge hobelt sich bereits einhundertvierzig Jahre über die Häute und Häupter allerlei Menschen und hat dabei alle Hautfarben und Geschlechter gleich behandelt. Meist, indem sie sie bluten liess.

Generationen von mit Gesichtsbehaarung gesegneten (oder gestraften) Männern  liefen mit der japanischen Fahne im Gesicht herum. Klitzekleine Toilettenpapierschnipselchen, die lediglich von einem blutroten Pünktchen im Gesicht gehalten wurden.

Feinste Klingen, die sich durch vorsommerliche Bikinizonen schnitten und ein Schlachtfeld blutender Pusteln und schreiender Damen hinterliess.

Natürlich machte die Rasierklinge auch vor Drogen nicht halt. Strasse um Strasse wurde weisses Pulver auf Spiegeln und Tischplatten geschoben, nur um gleich darauf in Zuhülfenahme eines gerollten Hunderters ins Hirn geschnieft zu werden.

Und natürlich müssen auch die Legionen verzweifelter Liebesuchender und Lebensmüder genannt werden, die sich im warmen Badewasser die Pulsadern aufschnitten. Frauen und Männer jeder Hautfarbe, die leblos im roten Badewasser lagen, am Boden ein Abschiedsbrief und die aus der erkalteten Hand gefallene Gillette Fine Blade.

Nun hat das alles ein Ende. Seit Jahren schon ist dieses alle Verbindende vom Markt genommen. Frauen rasieren sich in Rosa, die Herren in Stahl, Turbo Mach sowieso, vier- und fünfklingig, Hauptsache, es hört sich supermartialisch an.

Aber lange schon haben sich Elektrorasierer, Epiliergeräte, Trimmer und Laser etabliert. Alle schön geschlechtsspezifisch, um ja die in ihrem Geschlecht nicht oder noch nicht Definierten mit verwirrten Gesichtern in den Elektroabteilungen herumirren zu lassen.

Immerhin, die japanischen Flaggen hängen noch immer im Gesicht der Männer, weil diese keine Lust haben, allport einen neuen Klingeneinsatz für ihre Rasiermaschinen zu kaufen, und lieber den stumpfen Stahl über ihre Gesichter rattern lassen.

Diese abgebildeten beiden Schächtelchen mit Gillette-Rasierklingen sind also mehr als nur archäologische Funde aus der Löffelburg. Sie gemahnen uns an eine Zeit, in der Mann und Frau, Schwarz und Weiss (und alle anderen) eine Rasierklingenbreite enger beisammen waren, als sie das heute sind.

 

© Simon Meyer, 2019

 

Das kleine Ehebuch

15.12.2018

Am 6. Januar 2018 fand ich beim Entkernen des Dachstockes ein kleines Büchlein namens «Das kleine Ehebuch in Fragen und Antworten». Geschrieben hat es ein Josef Hüssler im Jahr 1944. Die kirchliche Druckerlaubnis (!) erteilte das Bischöfliche Ordinariat Chur am 24. Mai 1944, und zeichnet als Druck der Buchdruckerei «Das Aufgebot» Buochs.

Zitat Seite 50/51:

«Was ist ,,freie” Liebe?

Damit bezeichnet man ein eheloses Verhältnis zwischen Mann und Frau, das ihnen den Genuß ihres Trieblebens bringen soll. Sie schalten bewußt und vorsätzlich den ersten Zweck des von Gott gegebenen Triebes der Liebe aus, das Kind. Ihr Streben geht nach einem Höchstmaß sinnlicher Lust und nach einer möglichst sichern Verhinderung neuen Lebens. Solche Leute betrachten die Mittel zur Verhütung neuen Lebens als eine hohe Errungenschaft unserer Zeit! Eine solche Einstel­lung bringt die Menschen auf eine niedrigere Stufe als das Tier. Es ist ein Mißbrauch des eigenen Le­bens und ein Verbrechen am Staat, an der Mensch­heit. »”

Zeiten ändern sich. Manchmal. Manches bleibt gleich. Allzu oft. Vor Kurzem sah ich eine Dokumentation über die Ultrarechten, die neuerdings in Europa und den USA oder etwa Brasilien, Indien, Israel usw. an die Macht drängen. Und was musste ich da hören? Dass offenbar jeder von denen das Ehebuch nicht nur zu Hause hat, sondern auch ganz und gar ernst meint und umzusetzen gedenkt.

Ich scheue mich natürlich nicht, solches Geschreibe, ob vom vorigen oder diesem Jahrhundert, als gefährlichen Nonsens zu betiteln. Die Diskriminierung Andersdenkender, von Menschen mit anderen Lebensplänen oder anderem oder gar keinem Glauben hat Hochkonjunktur. Es ist an uns, mit aller Vehemenz dagegen anzugehen.

«Was ist freie Liebe?

Damit bezeichnet man eine Beziehung zwischen zwei oder mehr Menschen, die sich  in ihrer sexuellen Ausgestaltung nicht durch religiöse oder gesellschaftliche Normen binden lassen wollen. Sie lieben sich um der Liebe willen mit allen Rechten und Pflichten, die ein respektvolles Miteinander vorsieht. Sie streben nach einem Höchstmass an sinnlicher Lust. Solche Leute betrachten die Mittel der Verhütung als sehr nützlich und als eine grosse Errungenschaft unserer Zeit! Eine solche Einstellung bringt die Menschheit auf eine neue gesellschaftliche Stufe, denn sie fördert die Freiheit des Geistes und des Körpers, wirft die Ketten der religiösen Knechtschaft und gesellschaftlichen, überkommenen Moral ab, und schafft so einen besseren Staat und eine bessere Menschheit!»

 

Das Büchlein habe ich gescannt und hier ins Netz gestellt: Das kleine Ehebuch

© Simon Meyer, 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nienetwiler-Kultur

8.12.2018

Nach Jahren der Suche ist nun endlich eine Keramik der Nienetwiler-Kultur aufgetaucht. Unsere Fachleute datieren sie um ca. 5000 vor unserer Zeit.

Nienetwil! Für Archäologen das Atlantis der Träumer, allerdings weit realer. Noch bis ins 17. Jh. existierte der Ort und es gibt verschiedene Berichte darüber. Bis vor Kurzem war jedoch absolut nicht klar, wo der Ort lag. Das hat nun ein Ende. Aus Sicherheitsgründen kann hier der Fundort nicht preisgegeben werden, denn die Gefahr, dass Raubgräber sich darüber hermachen, ist zu gross. Was wir allerdings sagen können, ist, dass sich der Fundort im Kanton Luzern befindet.

Der Grabungstechniker Nomis Arbogast gab uns ein kurzes Interview.

Herr Arbogast, viele Legenden ranken sich um die Geschichte Nienetwils. Nun ist ein erster wichtiger Schritt gemacht, nämlich das Auffinden des Ortes. Wie fühlt man sich dabei, Geschichte zu machen?

Nun, ich fühlte mich natürlich wie damals Heinrich Schliemann, als der Troja gefunden hat. Es war einfach überwältigend. Zuerst einmal hatten wir aber bange Zeiten, denn natürlich wussten wir nicht von Anfang an, dass wir Nienetwil gefunden hatten. Das musste erst noch durch verschiedene Sondierungen und Untersuchungen bestätigt werden.

Welche Auswirkungen auf die Geschichtsschreibung hat der Fund?

Oh, da fragen Sie mich was. Die Auswirkungen sind momentan noch nicht abzuschätzen, aber wir sind heute der Meinung, dass ganz sicher das eine oder andere umgeschrieben werden muss.

Inwiefern?

Nun, zum einen scheint es so zu sein, dass von Nienetwil verschiedene starke Einflüsse auf die Kulturen in der schweizerischen Vergangenheit ausgegangen sind. So zum Beispiel auf die Keramikformen, auf das Design verschiedener Gebrauchsgegenstände und mehr. So haben wir einen eindeutigen Beweis dafür, dass die Nienetwilerinnen und Nienetwiler in den Belangen der Astronomie allen anderen Kulturen um Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende voraus waren.

Nienetwil ist untergegangen, vielmehr einfach vom Erdboden verschwunden. Gibt es heute Menschen, die von den Nienetwilern abstammen?

Auch das können wir leider nicht beantworten. Wir haben Gräber gefunden. Sofern in den Knochen noch DNA aufzuspüren ist, werden wir vielleicht einmal mehr wissen.

Herr Arbogast, vielen Dank für dieses Interview.