Die Katze

Wir alle kennen Katzen. Manche mögen sie sehr, andere weniger, etlichen gehen sie einfach auf den Wecker. Ginge es um den Rohrspatz, wäre es unrecht, menschliche Gefühle auf das Vogelvieh zu projizieren. Der Rohrspatz hat mit uns, ausser in unserem Wortgebrauch, rein gar nichts zu tun.

Ganz anders die Katze. Sie ist, was sie ist, weil wir sind, was wir sind. Damit hängt ihr ganzes Sein von dem unseren ab. Der Rohrspatz ist oder ist nicht, je nachdem, ob wir ihn ausrotten oder nicht. Aber selbst der allerletzte Rohrspatz wird einfach noch von selber Manier sein wie die heutigen. Die Katze hingegen wird gezüchtet, aufgarniert, verhätschelt oder verjagt und manchmal auch als Hauptspeise gereicht. Immer aber ist sie Teil der Gesellschaft. Und wie die Gesellschaft in unseren Breiten so ist, schmust sie halt gern mit Tieren rum, und die Katzen, auch wenn die meisten davon charakterliche Mistviecher sind, lassen es sich gefallen.

Und sieht man beim Spazierengehen ein kleines Busi in der Wiese hocken, kommt von mancher Dame oder Kind ein «Jööö, es Buusi!».

Nun, Nichtwissen bewahrt vor Erkenntnis. Zum Beispiel, dass es hier nichts zu jööen gibt. Hier ist ein Räuber am Werk. Eine wartende, jagende Katze, die nichts anderes will, als den Kopf irgendeiner dummen Maus, die aus dem Loch schaut, mit einem lauten Knackgeräusch vom kleinen Leib zu beissen. Natürlich erst, nachdem man das arme Tier eine halbe Stunde lang durch den halben Garten gejagt hat. Bei Vögeln, auch Rohrspatzen, ist es kaum anders. Zwei Krallenfüsschen, einige Federn und vielleicht noch der Schnabel liegen im Rasen und warten darauf, dass Kinder beim Spielen drauftreten.

Als Kantonsmuseum Luzern ist es unsere Pflicht, hier aufklärend einzugreifen und nicht nur den naturwissenschaftlichen Aspekt der Katze aufzuzeigen, sondern auch den gesellschaftlichen und psychologischen.

Es ist uns daher eine grosse Ehre, an dieser Stelle einen Gastbeitrag des grossen SMY veröffentlichen zu dürfen. Er hat in Gedichtform gepackt, wozu es früher eine einstündige Sendung mit Hans A. Traber bedurft hätte.


SMY, der Entjööer, zeigt den Finger:

Jööe nicht, das machts nur schlimmer.

Kommt die Einsicht und das Wissen,

wirst du deine Jöheit missen:

Büsis wollen Killer werden

Mäuse hocken drum in Erden,

hinter Löchern, hinter Wänden,

fürchten sich vor Büsis Händen.

Denn die würgen, kneifen, reissen,

bevor die Büsis endlich beissen.

Tötet dann das Killer-Pack,

fällt der Kopf mit lautem Knack!

Also jööt nicht und merkt auf:

Nehmt das Wissen nur in Kauf,

denn die Welt, sie ist nicht gut,

überall da fliesset Blut.

Besser ist es das zu wissen

und dafür die Jöheit missen!

Nur wer klar die Wahrheit kennt,

das Büsi dann auch «Mörder» nennt.

Wer das nicht will, der lässt es bleiben,

Und darf in Zukunft Jööer bleiben!

Ende

© Simon Meyer, 2014

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Kulturbeobachtung

Ethnologische Abteilung des Kantonsmuseums Luzern

(Fund LB_001_074)

Die Rasierklinge als generationen- und geschlechterverbindendes Objekt

Barthaare, Kopfhaare, Achsel-, Bein- und Schamhaare, Struppies, Punks und behaarte Rücken – die Rasierklinge hobelt sich bereits einhundertvierzig Jahre über die Häute und Häupter allerlei Menschen und hat dabei alle Hautfarben und Geschlechter gleich behandelt. Meist, indem sie sie bluten liess.

Generationen von mit Gesichtsbehaarung gesegneten (oder gestraften) Männern  liefen mit der japanischen Fahne im Gesicht herum. Klitzekleine Toilettenpapierschnipselchen, die lediglich von einem blutroten Pünktchen im Gesicht gehalten wurden.

Feinste Klingen, die sich durch vorsommerliche Bikinizonen schnitten und ein Schlachtfeld blutender Pusteln und schreiender Damen hinterliess.

Natürlich machte die Rasierklinge auch vor Drogen nicht halt. Strasse um Strasse wurde weisses Pulver auf Spiegeln und Tischplatten geschoben, nur um gleich darauf in Zuhülfenahme eines gerollten Hunderters ins Hirn geschnieft zu werden.

Und natürlich müssen auch die Legionen verzweifelter Liebesuchender und Lebensmüder genannt werden, die sich im warmen Badewasser die Pulsadern aufschnitten. Frauen und Männer jeder Hautfarbe, die leblos im roten Badewasser lagen, am Boden ein Abschiedsbrief und die aus der erkalteten Hand gefallene Gillette Fine Blade.

Nun hat das alles ein Ende. Seit Jahren schon ist dieses alle Verbindende vom Markt genommen. Frauen rasieren sich in Rosa, die Herren in Stahl, Turbo Mach sowieso, vier- und fünfklingig, Hauptsache, es hört sich supermartialisch an.

Aber lange schon haben sich Elektrorasierer, Epiliergeräte, Trimmer und Laser etabliert. Alle schön geschlechtsspezifisch, um ja die in ihrem Geschlecht nicht oder noch nicht Definierten mit verwirrten Gesichtern in den Elektroabteilungen herumirren zu lassen.

Immerhin, die japanischen Flaggen hängen noch immer im Gesicht der Männer, weil diese keine Lust haben, allport einen neuen Klingeneinsatz für ihre Rasiermaschinen zu kaufen, und lieber den stumpfen Stahl über ihre Gesichter rattern lassen.

Diese abgebildeten beiden Schächtelchen mit Gillette-Rasierklingen sind also mehr als nur archäologische Funde aus der Löffelburg. Sie gemahnen uns an eine Zeit, in der Mann und Frau, Schwarz und Weiss (und alle anderen) eine Rasierklingenbreite enger beisammen waren, als sie das heute sind.

 

© Simon Meyer, 2019

 

Schrödingers Wahrheit

Auszug aus einem Interview, welches der Autor einer Journalistin irgendeines wahnsinnig wichtigen Heftchens (Name vergessen) gegeben hat:

Journalistin: Im Laufe der Zeit gab es den Verdacht und später den Vorwurf, dass nicht alles im Kantonsmuseum Luzern tatsächlich der Wahrheit entspricht. Es wird Ihnen vorgeworfen, Objekte gefälscht und Geschichten ganz erfunden zu haben. Was sagen Sie dazu?

«Tja, diese Vorwürfe gegen uns sind nie bewiesen worden. Das beweist doch eines ganz klar: Es ist völlig egal, ob über eine Sache die Wahrheit oder eine Lüge geschrieben wird. Niemand macht sich die Mühe, nachzusehen, ob es richtig ist. Ich möchte also sagen: Eine jede Aussage ist gleichzusetzen mit dem Gedankenexperiment der Schrödinger Katze. Nur geht es hier nicht um Zustände von Quanten. Die Aussage ist, dass man, solange man nicht nachsieht und nicht weiss, ob die Katze in der Kiste lebt oder tot ist, sie quasi beide Zustände gleichzeitig innehat.

Mit Aussagen verhält es sich genauso. Solange nicht einwandfrei bewiesen ist, ob sie richtig oder falsch sind, sind sie sozusagen beides. So kann also auch eine falsche Aussage wahr sein.

Hinzu kommt noch ein anderes Kuriosum, welches wir der abgrundtiefen Dummheit der menschlichen Spezies zu verdanken haben.  Eine Wahrheit kann, zumindest temporär, falsch sein, wenn eine Mehrheit der mit dieser Wahrheit Konfrontierten diese leugnen oder verdrehen. Wahrheit ist also sozusagen einer demokratischen Macht unterworfen.

Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Es ist wurscht, ob das Kantonsmuseum Luzern echte Geschichte weitergibt oder eine erfundene. Der Prozess der Befassung mit Geschichte ist genau derselbe, wenn diese wahr ist, wie wenn sie falsch ist. Und nun mal ehrlich: Wen interessiert tatsächlich, ob die Welt nun eine Scheibe oder eine Kugel ist, wenn man weiterhin nach Malle fliegen kann? Und interessiert es irgendjemanden, all die langweiligen Fakten zu studieren, die tatsächlich zum Irakkrieg geführt haben? Nö, niemanden. Wahrheit ist viel zu kompliziert und Fakten sind so schwer zusammenzutragen oder zu merken.

Kommen Sie mir also nicht mit Wahrheit und dem ganzen Scheiss. Die Leute wollen keine Museen mehr, weil ihnen Fakten egal, oder zumindest weniger wichtig als ein paar Fränkli sind. Wir produzieren Fakten also entsprechend dem intellektuellen niveau derer die die Musen schliessen wollen!

 

[Nachtrag: natürlich hat obiges Interview nie stattgefunden, wahrscheinlich jedenfalls, aber was solls …]

Der Helm des Isenhut

Das Historische Museum Luzern zeigt einen Helm, der aufzeigt, wie manchmal Geschichte verfälscht wird, Reliquien geschaffen werden und wie alt Fake-News wirklich sind. Dies mit dem angeblichen Helm des Hudrich Zwingli, dem ollen Reformationskriegstreiber.

Das Kantonsmuseum Luzern will da natürlich nicht hintanstehen: Wir zeigen den echten Helm eines echten Helden und bieten zudem noch den (endlich) vollständig zusammengetragenen Text des Isenhut-Liedes von 1665.

Der Eisenhut wurde am 24. Januar 1665 in der Ersten Schlacht zu Villmergen von Arbogast Meyer, auch Isenhut genannt, getragen. Verschiedene Chroniken bestätigen, dass dieser den «55 us Münster» in der «… gewaltigen Victori vnd dapfferen Väldtfchlacht zuo Villmergen in den Fryen Empteren …» aus der Patsche half:

«In der gwaltig Victori und dapfferen Väldschlacht, di in Pedrangnis gratenen von Münster, so auch ein Melchior und Johannis Tolder und der Burckhart so von Münster, si all zu den 55 aus Münster gehörten, inkesselt von einer Huntertschaft Berner, usgehauen von Arbogast, der erst mit der Lantz und dann mit grossem Schwert den Bernern ein heftig Kampff bot.» Cod 106/S. 224

Ein wackerer Kämpe also, und es freut uns, diesen Helm des Arbogast Meyer alias Isenhut in unserem Museum zu haben.

Hier nun der Text des Isenhut-Liedes:

Es fuchteln mit Schpiesslin Züri und Bern

Doch wir zu Münster tätschen sie gern

Und allen voran mit grossem Mut

Mit blutig Schwert der Isenhut.

In Filmaringen1 zentusig bösi

Beten zu Zwingli für iri erlösig2

Der Isenhut er wollt nicht zaudern

Und liess den von Erlach3 heftig schaudern

Grad nach dem Zmorgen am Hinterbach4

Bei Filamaringen gabs aufs Dach

Schloss Hilfiken5 am ersten fil

Doch dises war noch nicht das zil

Durch Kugelhaggel6 gings voran

doch wir standen wie ein Mann

Die Berner schossen gar nicht gut

so verliess sie schnell der Mut

Der Isenhut streckt alles nider

Deshalb singen wir nun Lider

Denn keiner ihm widerstehen kann

Nicht ein Ross und nicht ein Mann

So zog dann nach gewunnen Schlacht

Die ganze Münster Heeresmacht

50 lebend und fünf tot7

Nach Münster heim im Morgenrot

Der Isenhut der zog durchs land

Und hinterliess ein rotes Band

Vom Blut der Berner Plünderbanden8

Die dem Isenhut nit widerstanden.

1 Filmaringen = Villmergen

2 Das vereinigte Heer der Neugläubigen (Reformierte und Zwinglianer) hatte eine Truppenstärke von ca. 9800 Mann.

3 Sigmund von Erlach (1614–1699) war ein Adeliger aus Bern. Er führte das Berner Heer in der Schlacht von Villmergen am 24. Januar 1665.

4 Am Vormittag des 24. Januar 1665 griffen die Luzerner mit den Verbündeten über den Hinderbach das

5 Schloss Hilfiken an, in dem sich hauptsächlich Berner verschanzt hatten. Das Schloss war schnell eingenommen und die Luzerner erbeuteten etliche Kanonen und Kartätschen.

6 Nach der Einnahme des Schlosses Hilfiken überraschten die vereinten katholischen Heere das reformierte Heer, insbesondere die bernische Flanke. Unter grossen Verlusten durchbrachen sie den Kugelhagel der bernischen Truppen und trieben dieses hauptsächlich aus Bauern bestehende Heer in die Flucht.

7 Die «55 aus Münster» sind im Zugbrief aufgeführt. Von den 55 kamen fünf in der Schlacht bei Villmergen ums Leben, einer wurde schwer verletzt.

8 Nach der Schlacht zogen plündernde Truppen durch das ganze Land. Aus Angst vor Plünderern und verstreuten Truppen des reformierten Heeres wurde in Beromünster die gegen die Schulhausstrasse stehende St. Afra Pfrund abgerissen, um dort eine Wehrschanze zu bauen. Als Ersatz für diese Pfrund wurde die Löffelburg zur neuen St. Afra Pfrund gemacht.

Die Punkte 1–8 sind tatsächlich wahr, überprüft und verbrieft sowie bei Wallimann, 11. Lieferung, und Wikipedia (Erste Schlacht bei Villmergen) nachzulesen. [Anm. des Verfassers]

 

 

Mulden Meyer

Endlich ist es so weit – vor der Löffelburg steht wieder eine Mulde!

Was haben wir gewartet, gebangt, mit stechendem Schmerz im Herz die schreckliche Leere vor der Löffelburg gesehen. Schluss damit. Lastwagen, der Gestank von Diesel, das Scheppern und Rasseln von Ketten und Haken. Piiip … piiiep … noch etwas zurück, noch etwas piiiep … und runter damit, ja, genau da! Perfekt. Schöne Mulde! Der Dieselqualm war kaum entfleucht, da ratterte schon der Inhalt eines ersten Baukessels hinein. Staub setzte sich über Beromünster und machte die Herzen froh. Und noch ein Kessel und jawohl, noch einer!

Nun ist die Mulde schon wieder halb voll und es schmerzt mich nicht nur der Rücken, sondern auch das Herz. Denn wenn sie voll ist, fürchte ich (ah verdammt, wie soll ichs ertragen?), dass wir für etliche Monate wieder einfach an die leere Hauswand starren müssen.

Ob ich mir vielleicht einfach eine kaufen soll? Man könnte sie immer noch als Pool benutzen oder sie einfach nur wegen Schön vors Haus stellen. Was so was kosten würde? Hmmmm …

 

Der Spruch übrigens diesmal: «Kunst ist, wenn’s auch eine Mulde tut!»

Pfeilgeschoss

 

Ein Pfeilgeschoss tat wie verlangt,

und schoss dahin von Kriegers Hand.

Es tat was es als Pfeil halt musst,

durchdrang geschwind des Feindes Brust.

 

Nun sollte niemand Pfeilchen schelten

Lasst doch dieses Schicksal gelten!

Tat ja nur wie ihm geheissen

Sollt es auf Befehle scheissen?

 

Pfeile sind von Hand gemacht

Wohl geschmiedet, gut durchdacht.

Ebenso des Kriegers Bogen

Liegt gar fest und ausgewogen.

 

Der Krieger selbst ist hol und dumm

Wie dem Pfeile fehlts ihm an Mumm

Er könnte auf Befehle scheissen

Könnte auch die Sehn zerreissen

 

Doch die Welt ist bös geschaffen

An den Bögen stehen Affen

Wir sind davon ein übler Teil

Und allzumancher wie ein Pfeil

 

©Simon Meyer, 2019

 

Die Pfeilspitze auf der Fotografie stammt aus einer Grube die hinter der Löffelburg angelegt wurde um Sockel für Stützbalken zu giessen.