Köhlerei in Beromünster

Beweis für Köhlerei in Beromünster gefunden!

Bei unseren Recherchen zur Löffelburg stossen wir immer wieder auf spannende Informationen. So habe ich gestern in Walimann 10. Lieferung, Seite 121, Folgendes gefunden: «… So wollte er am 20. Juni 1805 im Herlisberger Wald zehn Fuder Stöck austun; doch wurden ihm nur die üblichen vier Fuder bewilligt und zugleich durch den Weibel verboten, in oder bei den Wäldern Kohlhaufen zu machen.»

Das teilt uns nicht nur etwas über einen ehemaligen Besitzer der Löffelburg, nämlich den Nagelschmied Bernhard Brandstetter, mit, sondern auch, dass zumindest bis 1805 in Beromünster geköhlert wurde.

Wo mochte der Kohlplatz gelegen haben?

Bedenkt man, dass Brandstetter nicht der einzige Nagelschmied in Beromünster war – auch sein Vater Johann Niklaus Leonz Brandstetter war Nagelschmied –, sondern noch einige Schmiede hier wirkten, kann man sich in etwa vorstellen, wie viel Holzkohle zu der Zeit benötigt wurde. Alleine das Schmieden von Zehntausenden von Nägeln, die für den Wiederaufbau des Fläckens nach dem verhehrenden Brand von 1764 benötigt worden sind, müssen Unmengen an Holzkohle verschlungen haben. Wo haben all die Kohlplätze gestanden?

Aus meinen Gesprächen mit den Köhlern aus dem Entlebuch und auch meiner Erfahrung aus der Archäologie weiss ich, dass Holzkohle nicht verrottet. Reste dieser Kohlplätze können also anhand der noch herumliegenden Holzkohle gefunden werden. Diese liegt, nur von wenig Humus bedeckt, noch immer im Waldboden. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass der letzte Köhler dort die «Löschi» weggeräumt hat.

Es würde sich bestimmt lohnen, einmal eine Begehung zumindest des Herlisbergerwaldes zu machen!

Quellenangabe: Wallimann, 10. Lieferung, Seite 121

Soldaten im Haus

Im Rhin, Münster, Drei Könige, im Jänner 1848

Meine liebe Johanna

Was bin ich froh, dass Du eine Arbeit in Sitten gefunden hast! Hier in Münster geht alles darunter und darüber. Nachdem der General Salis am 19. November mit unseren Truppen den Bürzel eingezogen hat und nach Gisikon ging, lag euses Meuschter von einem Tag auf den anderen ohne Schutz. Zwei Tage später waren die Freischaren hier. Mehr als viertausend Mann kamen nach Meuschter und wollten hier Quartier. Da wurden all diese Soldaten hier und da einquartiert. Oben im Stift in jeder Kammer und auch überall im Fläcken.

Ich hatte ja solche Angst. Du weisst ja, dass mein Töchterlein am Typhus krank daliegt. Und so hatte ich Schrecken, dass man sie in die kalte Kammer im Dach oben verlegen würde und die Soldaten die warme Stube nähmen.

Doch stell Dir vor, es kam keiner. Der Morgen verging und der Mittag kam, und keine Soldaten in der Löffelburg. Dann kam der Nachmittag und überall sah ich die Soldaten in die Häuser gehen. Drüben beim Dangel und beim Dolder und sogar beim alten Ignaz drüben. Aber keiner kam zu uns. Die Löffelburg war ganz vergessen worden!

Am Abend machte ich uns eine Suppe. Die fiel so karg aus, dass mir die Tränen kamen, als ich sie dem Vreneli ans Bett brachte. Aber wir hatten schon lange kaum noch Essen im Haus. Erst waren es die Soldaten des Sonderbunds und danach die Berner, Aargauer und Zürcher, die uns alles wegfrassen. Immer diese Kriegerei überall, man könnte fast des Glaubens sein, dass es auf dem Feld und in der Werkstatt keine Arbeit gäbe!

Ich hatte mich gerade hingesetzt, um selber auch von der Suppe zu essen, da polterte es unten an der Türe. Da standen drei Aargauer Soldaten und baten mich wirklich sehr freundlich, ob sie hier nicht übernachten dürften. Ich habe ihnen gesagt, dass ich eine typhuskranke Tochter im Haus hätte und sonst alleine sei. Denen war das kranke Vreneli egal. Sie sagten, sie würden zwangseinquartiert, aber da lägen schon vierzig Mann, und es sei ihnen Graus und Angst, dass sie sich dort mit etwas anstecken könnten. Dann noch lieber das liebe Meitschi mit Typhus, da wisse man, was man habe. Die sahen hundemüde aus und so bat ich sie halt herein. Lieber freiwillig geben als gezwungen werden, gell?

Und stell dir vor, am Morgen sind die dann tatsächlich gegangen und haben sich auch noch für das Nachtlager bedankt.

Aber das Wunder, liebe Johanna, das Wunder kam vor drei Tagen, just nach Neujahr. Da brachte mir ein Briefbote ein Paket aus Aarau. Von der Metzgerei Siebenmann! Und darin waren ein Dutzend Würste und die Nachricht, dass man sich herzlich bedanken wolle für die Unterbringung in der Not des Krieges.

Soldaten sind halt auch als in Uniform wie im Leben, sie sind guten oder schlechten Charakters.

Zehn Tage blieben die Soldaten im Dorf und es zeigte sich, dass nicht alle so waren wie die drei, die bei uns untergekommen sind. Manch einer aus Meuschter wurde geschlagen und drangsaliert und einige gar verhaftet. Als sie dann endlich weg waren und einige Tage darauf der Krieg vorbei war, unsere Männer wieder ins Dorf kamen und man ans Aufräumen ging, da fragte sich manch einer, ob das alles denn nun den Aufwand wert war. Jetzt haben sie ihre Eidgenossenschaft gemacht und Frieden gefunden und dann geht man blutig aufeinander, nur um einen Monat später wieder da zu stehen, wo man vorher war.

Leg doch bitte einige Zeitungen zur Seite und nimm sie mir mit. Gerne würde ich wissen, wie im Wallis von diesem Händel geschrieben wurde.

Wir freuen uns, wenn Du in der Fasnachtswoche wieder zu uns kommst, und ich werde Dir die schöne Kammer herrichten und etwas von der Aarauer Wurst zur Seite legen.

Ich küsse Dich, liebe Schwester, und wünsche Dir glückliche Tage!


[Anm.: Die Begebenheit, welche die Frau Näf, «des Naglerbalzen Witwe», erzählt, ist in dem Aufsatz «Aus der Sonderbundzeit» von Can. Ignaz Kronenberg kurz erwähnt.]

Die Metzgerei Siebenmann in Aarau gab es tatsächlich.

Der Sonderbundskrieg dauerte vom 7. bis 29. November 1847.

Bild: «Schlacht bei Gislikon [Gisikon] den 23ten November 1847»,  Comp. v. H. Jenny; auf Stein gez. v. Schönfeld, Zentralbibliothek Zürich

© Simon Meyer, 2019

Hammer

Noch keine sieben Jahre war ich alt und schlich eines Tages nach der Schule in die Werkstatt meines Vaters. An der mächtigen hölzernen Hobelbank zog ich unter Aufbietung all meiner Kräfte die schwere Schublade auf und lugte hinein. Sie war staubig und die darin liegenden Hämmer schienen sich in ihrem Bett aus Staub und Hobelspänen wohlzufühlen. Ein farbiger Streifen, angemalt von meinem Vater, auf dass auf der Baustelle niemand seinen Hammer klaut, zierten die Stiele der Werkzeuge. Ich hob einen der Hämmer heraus, nahm mir aus der alten Apfelkiste neben dem Werkbank, in der das Brennholz lag, ein Stück Holz, suchte in den Talaren und Regalen nach einem Nagel, und legte mir beides auf der Werkbank zurecht.

Dann holte ich eine Schraubzwinge und befestigte das Holz auf dem Werkbank, klemmte mir dabei einen Finger ein, der dabei ein hübsches blauviolettes Hämatom ausbildete. Ich weinte nicht. Handwerker weinen nicht. Handwerker sind Männer. Dachte ich jedenfalls damals und drückte eine Träne weg.

Dann nahm ich eines der dicken Bretterstücke, das an der Wand stand, und legte es vor die Werkbank, damit ich überhaupt daran arbeiten konnte.

Der Hammer wartete. Daneben der Nagel. Beide warteten und ich war verunsichert. Es war mein erstes Mal. Ich hatte oft gesehen, wie mein Vater das machte, doch selber hatte ich es noch nie getan. Zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand nahm ich also den Nagel und setzte seine Spitze in die Mitte des Holzstückes. Den Stiel des Hammers nahm ich in die rechte und hob den Hammer über den Nagel. Zielte. Atmete. Zielte noch einmal. Hob den Hammer höher und schlug zu.

Mein Daumen hat sich von dem Schlag erholt, die Farben verblassten und der Schmerz liess nach.

Die Hobelbank hat sich nicht erholt. Ich hatte nämlich trotz des ersten Schlages auf den Daumen und trotz der Schmerzen und Tränen weitergemacht. Hatte den Nagel bis zum Anschlag in das Holz getrieben. Da ich jedoch einen Sechziger-Nagel in ein gerade einmal zweieinhalb Zentimeter dickes Stück Holz geschlagen hatte, wurde das Holzstück natürlich an den Hobelbank genagelt und blieb auch dort, denn all meine Bemühungen, es wegzureissen, blieben erfolglos. Erfolglos waren auch die Worte meines Vaters, der, als er das Malheur sah, mit mir schimpfte. Schimpfen nütze noch nie etwas bei mir. Ich kann heute, mehr als vierzig Jahre und Abertausende Nägel später, noch keinen Nagel einschlagen, ohne Angst zu haben, mir wieder auf den Daumen zu hauen. Und ich habe in der Vergangenheit noch so manches Stück Holz auf Werkbänke genagelt, geschraubt oder geleimt. Ich bin ein Tollpatsch geblieben, aber auch ein zäher Hund, der nicht aufgibt. Also nagle ich weiter, schraube weiter und denke manchmal über die staubige, mit Hobelspänen übersäte Werkstatt meines Vaters nach, an die Schublade mit den Hämmern, rieche das Holz, das Harz und die Lackfarben, und den unbekümmerten Entdeckergeist meiner Kindheit.

inchiostro e forse una storia

Früher war alles anders. Sagt man. Früher war alles anders. Nichts, was sich nicht verändert hätte. Nichts, was nicht gewachsen oder vergangen wäre, was nicht Patina angesetzt oder vom Wind der Zeit weggeschliffen wurde.

Das Schreiben. Gedanken vom Kopf durch Finger und Füllfederhalter aufs Papier. So war es einmal. Das ist vorbei.

Klapperdiplapper rattern Finger nun die digitalisierten Gedanken in Sekundenschnelle auf den Bildschirm. Was einst ein Vorgang war, der ebenso rezeptiv wie verausgabend war, ist die Geschwindigkeit des Schreibens heute dergestalt, dass eine Reflektion des Geschriebenen währenddessen kaum mehr möglich ist. Da Zeit aber fehlt, wird nicht mehr nachgelesen, Geschriebenes nicht geprüft, nicht verinnerlicht und nicht überdacht.


Im Dachgeschoss der Löffelburg sass Nino de Biasi in dem kleinen Zimmer unter dem Dach vor dem kleinen Fenster, das ostwärts den Blick auf Beromünster und dahinter südöstlich auf den Erlosen freigab. Hinter ihm bei der kleinen Küche knackste das Holz in dem eisernen Ofen, der schon fast glühte, so heiss war er, und dennoch das kleine Mansardenzimmer nicht warm bekam.

«Meine liebste Anna», schrieb er, «Wie geht es dir, mein Herz?  Und wie geht es meiner kleinen Maria und dem Ninolino? Hier ist es kalt. So kalt. Ich vermisse dein strahlendes Lächeln und die Sonne Apuliens. Am letzten Sonntag war Alfredo hier. Er hat mir dein Paket mitgebracht. Meine Liebste, ich danke dir! Gb auch Mamma einen Kuss von mir und danke ihr für die Spaghetti und den Sugo. Hier bekommt man das nicht. Die Schweizer essen nur Kartoffeln, Brot und Wurst. Keine Pasta, keine Tomaten oder Fisch. Sie sind hart, diese Schweizer, und behandeln uns schlecht. Sie nennen mich ‘Tschingg’ oder ‘du Sautschingg’ und treten nach mir. Und immer ist es kalt.»

Nino stand auf, holte sich aus der Kanne auf dem Ofen einen Schluck Kaffee und setzte sich wieder. Schaute aus dem Fenster und bereute die letzten Sätze. Anna würde sich Sorgen machen. Mamma würde sich Sorgen machen und Papa würde aus dem Haus gehen, die Corso de Umberto zu «Giuseppes» hinunterlaufen und sich dort ein Glas Rotwein gönnen, mit den anderen Alten herumjammern und von der Zeit schwelgen, in der sie noch etwas tun konnten.

Anna und Mamma würden sich sicher umarmen und zusammen weinen. Immer weinen sie, wenn sie an die denken, die in der Ferne sind. Doch wo sollte er sonst sein? Auch wenn hier die Bezahlung schlecht war, so war sie noch immer besser als zu Hause, in Casamassima, Bari, Brindisi oder Tarent. Und in den Grossstädten wie Neapel und oder Rom wartete man nicht auf einen Bauernsohn, der nichts gelernt hat. Die halbe Jugend war er entweder auf der Flucht vor den Camicie Nere gewesen oder hatte gegen Mussolinis faschistische Häscher und die Deutschen  gekämpft. Zuletzt, Seite an Seite mit den Amerikanern. Doch was zählte das heute? Der Krieg war seit zwölf Jahren vorbei und Arbeit gab es kaum. Wer etwas gelernt hatte, der hatte Möglichkeiten, aber er, Nino, er war schon froh, dass er in der Schule und bei den Partisanen wenigstens schreiben gelernt hatte.

Nun, er wollte weiterschreiben, das Niedergeschriebene etwas relativieren und seiner Anna und Mamma die Sorgen nehmen.

«Immerhin, meine liebste Anna, habe ich hier Freunde gefunden. Die meisten wie ich aus dem Süden. Albano kommt aus Brindisi und Giorgio aus irgendeinem Dorf in Kalabrien. Ich habe den Namen vergessen.  ‘Burro’, eigentlich Andrea Bartoccini, kommt aus Neapel. Er ist ein sturer Kerl, grobschlächtig und stark wie ein Ochse. Er wohnte wie Giovannis Claudio an der Via della Pieve. Doch sie kennen sich nicht. Am Samstag nach der Arbeit setzen wir uns oft zusammen, singen Lieder und trinken etwas Wein. Anna, mein Herz, hast du das Geld bekommen, das ich geschickt habe, und reicht es euch zum Leben? An Weihnachten werde ich, wenn es irgendwie geht, nach Vico kommen. Es sind nur noch drei Monate!

Nun, die Tinte geht mir fast schon aus. Ich werde mir nun etwas von der Pasta machen, Anna, und ein Glas Wein auf euch trinken. Wenn ich an euch denke, wird die Kälte dieses Zimmer fliehen wie unsere Schafe den Wolf.

Herze alle von mir bitte. Sei nicht geizig mit den Küssen, denn ich habe genug davon.

Und schicke Ninolino zu ‘Giuseppes’ und lass ihm ausrichten, er soll nicht an gestern denken, sondern an morgen. Wenn ich nach Hause komme und ihn wiedersehen werde. Tust du das für mich?

Ich liebe dich

Nino

Inspiriert durch Fund: LB_001_083 | Leere Tintenflasche | Gefunden hinter Wandverkleidung Dachgeschoss | Früherer Bewohner (um 1957): Nino de Biasi

©Simon Meyer 2019

Unglaublicher Fund in der Löffelburg

Unglaublicher Fund

Bei den Umbauarbeiten in der Löffelburg ist heute ein unglaublicher Fund zutage getreten. Ein Nagel! Aber nicht einfach irgendein Nagel.

Ein industriegefertigter, unbenutzter 80er-Zimmermanns-Nagel aus den frühen 1980er-Jahren!

Entschuldigen Sie die vielen !!!, aber das ist einfach wunderbar!

Nun denken Sie vielleicht: «He, spinnen die? Ist ja nur ein oller Nagel.» Aber das wäre viel zu kurz gegriffen. Verstehen Sie, was da dahintersteckt? Abgesehen von der Kulturleistung erzählt es auch noch Geschichte.

Die Kulturleistung Nagel

Oft geht bei den heutigen, als alltäglich angesehenen Dingen vergessen, welche Leistungen dahinterstehen und was sie über uns aussagen.

Der Nagel, früher noch von Hand geschmiedet – so zum Beispiel vom Nagelschmied Bernhard Brandstätter, der dies bis 1812 in der Löffelburg tat. Mit der Erfindung der dampfgetriebenen Maschinen kam die Industrielle Revolution und mit ihr die industrielle Fertigung von Nägeln aus Stahl.

Die Elektrizität wurde erfunden und die Maschinen wurden nun nicht mehr mit Dampf, sondern mit Strom betrieben. Doch es gab zu wenig Strom, denn der wurde nach wie vor aus Dampfmaschinen gewonnen. Unglaubliche Mengen an Steinkohle wurden dafür benötigt (die übrigens auch die Industrie-Essen beheizte, in denen der Stahl für die Kohle erst gegossen, dann gewalzt und danach im Endprodukt gefertigt wurden), und ganze Städte erstickten im Russ der Schlote. Die Sterblichkeitsrate stieg dermassen an, dass sogar die kapitalistischen Ausbeuter erkannten, dass es so nicht weitergehen konnte. Ja, kapitalistische Ausbeuter, denn im Kielwasser der Industriellen Revolution tauchte der Kommunismus auf. Seine Macht war schnell gefestigt und unter den Sozialdemokraten und Kommunisten wurden Gesetze zum Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter erlassen und Schimpfwörter wie «kapitalistischer Ausbeuter» erfunden.

So ging das weiter und weiterund eine Technologie führte zur nächsten.

Um 1812 benötigte Brandstätter noch ca. 20 Sekunden für einen Nagel.

Um 1912 fertigte ein Arbeiter 20 Nägel pro Sekunde.

Um 2012 fertigen roboterisierte Anlagen Aberhunderte Nägel pro Sekunde und Arbeiter benötigt es kaum noch.

Die Kulturleistung ist also nicht nur, dass man aus Stahl Nägel herstellt, die es ermöglichen, dass ein Stück Holz mehr oder weniger dauerhaft mit einem anderen Stück Holz verbunden werden kann, sondern auch, dass es niemanden mehr braucht, der diese Nägel herstellt.

Die Mikrogeschichte des Nagels LB_001_82

Um 1980 lebte in der Löffelburg die Familie des Ignaz Kappeler. Dieser baute an dem Haus auch immer wieder einmal dieses, einmal jenes um. Für die Löffelburg leider nicht zum Besten, doch dafür wollen wir Herrn Kappeler keinen Vorwurf machen. Zu dieser Zeit wussten die meisten Leute nicht, wie man mit einem Fachwerkhaus umgehen muss, damit es nicht zu Schaden kommt.

Jedenfalls wurde in den 1980er-Jahren die Schwelle von R27 zu R24 entweder erneuert oder repariert, denn es wurde zur Stabilisierung ein Stück Holz unter die Schwelle genagelt, um, so vermuten wir, ein Wackeln oder Quietschen der Schwelle zu unterbinden. Und bei dieser Gelegenheit muss demjenigen, der die Arbeit ausführte, der Nagel in die Ritze gerutscht sein.

Wollte er den Nagel herausfischen? Wenn ja, hat er sich geärgert, weil ihm ein schöner neuer Nagel verlustig gegangen war? Oder dachte er sich: «Ach was sollst, ist ja bloss ein Nagel!» Haben ihn wegen dieser verschwenderischen Gedanken Gewissensbisse gepackt oder war es ihm egal?

Wir wissen es nicht und werden es auch nie erfahren.

Der Nagel jedenfalls lag da und wurde erst Jahrzehnte später aus seiner nutzlosen Situation errettet.

Was nun tun mit dem Nagel?

Man könnte den Nagel, wie die anderen Fundstücke auch, beschriften und eintüten, in der Fundliste verzeichnen und dann, irgendwann, mit all den anderen Funden der Kantonsarchäologie Luzern überreichen.

Man könnte den Nagel benutzen. Ihn mittels eines geeigneten Hammers durch zwei Hölzer treiben und diese so in innige Beziehung bringen. Man täte etwas Gutes, Rechtschaffenes.

Man könnte ihn einfach in die Ritze zurücklegen und ihn einer anderen Zeit übereignen, einer ungewissen Zukunft und einem ungewissen Finder oder einer ungewissen Finderin. Würde sein unglaublicher Wert erkannt oder wäre es bloss ein Nagel oder aber, nicht einmal das, lediglich ein rostiges, dreckiges altes Ding?

Was denkt ihr? Teilt es mir mit – per Mail oder im Kommentarfeld.

Museen, die den Nagel ausstellen möchten, melden sich bitte bei unserem Kurator Herrn Simon Meyer. [mail]

Motherfuckerwidodo

Ja ich hab’s versprochen und ich will’s auch halten. Palmöl! Zorn und Fakten.

Die Schweiz hat als Verhandlungsführerin der EFTA ein Freihandelsabkommen mit Indonesien ausgehandelt. Auf Druck verschiedener Organisationen und Parteien hat man auch das Thema Palmöl reingepackt. Wie nicht anders zu erwarten und zu befürchten eine Mogelpackung in Form eines Feigenblattes.

Indonesien ist heute der grösste Produzent an Palmöl. Von den fast vierzig Millionen Tonnen Palmöl produziert Indonesien heute fast 80 Prozent.

Yeah, yeah!

Yo, Palmöl Mann!

Man frisst es, weil man’s fressen kann.

Dreimal die Fläche von der Schweiz

Scheisse Mann, das hat sein‘ Reiz

Fast vierzig Millionen Tonnen

Shit ey, in den Markt geronnen.

Für Snickers, Mars und Margarine

Schoggi, OMO, Vaseline

Fuck he, schau, der Urwald brennt

Und der blöde Affe rennt

Indigene hinterher

Fliehen vor Widodos Wehr!

Widodo dieser Motherfucker

Sitzt auf diesem ollen Trucker

Walzt damit die Bäume nieder

Und der Scheiss, er wächst nie wieder!

Selbst die Autos fahr’n damit

Shit, das wird ein Höllenritt!

Dodo, du hässliche alte Fotze

Ich hoff‘ du erstickst an deiner Rotze!

Yeah, Mann, yeah!

(Hosen wieder von den Knien hochziehen und irgendwie so den coolen Dingsda mit den Händen machen und so)

Ja, ja, Rapper müsste man sein. Bin ich halt nicht. Also hier noch ein paar echt krasse Facts zum Abkotzen!

Heute kostet die Tonne 591,35 $/Tonne – bei einer Produktion von sagen wir 15’000’000 Tonnen Palmöl im Jahr schauen da knappe neun Milliarden Dollars raus. Auf einer Fläche, die dreimal so gross ist wie die Schweiz!

Wie blöd kann man sein?

Und wofür wird Palmöl verwendet?

Für alles! Nun ja, fast alles. Im Valserwasser und Rhäzünser hat’s keins drin.

Im Wasch- und Abwaschmittel. In fast allenKosmetika. In Margarine, Bratfett, Saucenbinder und Kinderüberraschung. In Powerriegel, Karamelzältli und Shampoo. Im Mars, und ganz besonders im Biokraftstoff an der Tankstelle.

Denn wenn du Biokraftstoff tankst, dann bist du für die Abholzung von Urwäldern ebenso schuldig wie der Zerstörer Joko Widodo.

Was nun?

Keine Ahnung, verdammtnochmal!

Woher soll man wissen, wie man als anständiger Mensch leben kann?

Palmöl darf man nicht kaufen und keine Produkte mit Palmöl. Schwierig, denn die sind fast in jedem zweiten Produkt drin.

Avocado darf man nicht kaufen (Ausbeutung der Wasserressourcen auf Kosten der dort ansässigen Bauern).

Salz aus den Anden oder dem Himalaya (Ausbeutung der Arbeitskräfte und eh ein riesiger Betrug).

Billige Klamotten, Fleisch, Soja (oh ja, Soja!), in die Ferien fliegen, Auto fahren, und natürlich nichts aus Israel, der Türkei oder anderen Staaten, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig machen, oder wenigstens gezielt wegschauen, kaufen. Also den Ländern:

Abchasien, Afghanistan, Ägypten, Albanien, Algerien, Andorra, Angola, Anguilla, Antarktis, Antigua und Barbuda, Äquatorialguinea, Argentinien, Arktis, Armenien, Aruba, Aserbaidschan, Äthiopien, Australien, Azoren, Bahamas, Bahrain, Bangladesch, Barbados, Belarus, Belgien, Belize, Benin, Bhutan, Bolivien, Bosnien und Herzegowina, Botsuana, Brasilien, Brunei, Bulgarien, Burkina Faso, Burma, Burundi, Bali, Chile, China, Cookinseln, Costa Rica, Dänemark, Demokratische Republik Kongo, Deutschland, Dominica, Dominikanische Republik, Dschibuti, Ecuador, Elfenbeinküste, El Salvador, Eritrea, Estland

Falklandinseln, Fidschi, Finnland, Föderierte Staaten von Mikronesien, Frankreich, Französisch-Polynesien, Französisch-Guayana, Gabun, Gambia, Georgien, Ghana, Grenada, Griechenland, Großbritannien, Grönland, Guadeloupe, Guatemala, Guinea, Guinea-Bissau, Guyana, Haiti, Honduras, Indien, Indonesien, Irak, Iran, Irland, Island, Israel, Italien

Jamaika, Japan, Jemen, Jordanien, Kambodscha, Kamerun, Kanada, Kap Verde, Kasachstan, Katar, Kenia, Kirgisistan, Kiribati, Kolumbien, Komoren, Kongo (Republik), Kroatien, Kuba, Kuwait, Kosovo, Laos, Lesotho, Lettland, Libanon, Liberia, Libyen, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Madagaskar, Madeira, Malawi, Malaysia, Malediven, Mali, Malta, Marokko, Marshallinseln, Martinique, Mauretanien, Mauritius, Mexiko, (Föderierte Staaten von) Mikronesien, Moldau, Monaco, Mongolei, Montenegro, Mosambik, Myanmar, Namibia, Nauru, Nepal, Neuseeland, Nicaragua, Niederlande, Niederländische Antillen, Niger, Nigeria, Nordkorea, Nordmazedonien, Nordzypern, Norwegen, Oman, Österreich, Osttimor, Pakistan, Palau, Palästina, Panama, Papua-Neuguinea, Paraguay, Peru, Philippinen, Polen, Portugal, Puerto Rico, Réunion, Ruanda, Rumänien, Russland, Saint Kitts und Nevis, Saint Lucia, Saint Pierre und Miquelon, Saint Vincent und die Grenadinen, Salomonen, Sambia, Samoa, San Marino, São Tomé und Príncipe, Saudi-Arabien, Schweden, Schweiz, Senegal, Serbien, Seychellen, Sierra Leone, Singapur, Simbabwe, Slowakei, Slowenien, Somalia, Spanien, Sri Lanka, Südafrika, Sudan, Südkorea, Südsudan, Suriname, Swasiland, Syrien, Tadschikistan, Taiwan, Tansania, Thailand, Togo, Tokelau, Tonga, Trinidad und Tobago, Tschad, Tschechien, Tunesien, Türkei, Turkmenistan, Tuvalu, Uganda, Ukraine, Ungarn, USA, Uruguay, Usbekistan

Vanuatu, Vatikan, Venezuela, Vereinigte Arabische Emirate, Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten von Amerika, Vietnam, Wallis und Futuna, Weißrussland, Westsahara

Zentralafrikanische Republik, Zypern

Wobei gesagt werden muss, dass sich einige weniger, andere mehr schuldig machen. Das Problem ist, dass es hier wie da überall Menschen gibt. Und wo es Menschen gibt, nun ja – ist eben scheisse gelaufen mit dem Menschen.

Antworten hab ich indes keine. Seid einfach nett zueinander. Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Respect! – und der ganze Unfug, von dem sowieso jeder sagt, dass er oder sie es macht, nur wenn man genau hinsieht, oh verdammt, das ist eklig, was da unter den Tischen liegt und in den Ritzen von Sitzen …

Also nein, ich weiss nichts! Schau selber, wie du zurechtkommst in dieser Welt. Halte einfach deinen Zorn im Zaun und lauf nicht Amok. Versuch das Richtige zu tun oder was weiss ich!

Kunst und Satire in einem Haus. Der Löffelburg-Blog aus Beromünster.