Centauri

Hinter dem dicken Glas der Biosphären-Kuppel sah ich den Ausserirdischen nachdenklich durch die Dünen gehen und fragte mich, ob er vielleicht beleidigt war, weil wir ihn nicht haben mit uns pokern lassen.

Der Umgang mit Fremden ist manchmal schwierig. Die Sprache, die Sitten, ja das ganze Verhalten ist uns manchmal fremd, und ich, das muss ich leider zugeben, bin manchmal zu faul, mich darauf einzulassen.

Da will man halt einfach mit den Freunden pokern. Was aber, wenn der Fremde auch ein Freund sein könnte, wenn es gar nicht so schwer wäre, sich mit ihm anzufreunden, mit ihm zu pokern und sich mit ihm zu unterhalten?

Die Einheimischen von Centauri 2 sind besondere Wesen. Gross, etwas durchscheinend und auf eine verwirrende Weise schön. Sie kommunizieren unter sich telepathisch, mit anderen Species in einer, jedenfalls für das doch eher beschränkte Menschengeschlecht, sehr komplizierten Lautsprache. Als ich das erste Mal auf Centauri 2 war und mich einer telepathisch ansprach, ist mir fast das Gehirn durchgeschmolzen. Zu viele Informationen.

Noch immer beobachtete ich den Centauri, der inzwischen wieder in Richtung Kuppel kam, entschuldigte mich bei meinen Pokerfreunden, was ich gerne tat, denn ich hatte ein so schlechtes Blatt, sodass ich die halbe Ausstattung meines Raumschiffs verloren hätte, und erwartete den Centauri an Schleuse N4. Als er von draussen reinkam, sah er mich an, neigte das, was wir als Kopf bezeichneten in, wie es den Anschein machte, schmerzhaftem Winkel zur Seite und leuchtete kurz hellblau auf.

Ich will es kurz machen. Mein Versuch, ihn zu uns zum Pokern einzuladen, schlug fehl, und mein Unvermögen, mich richtig mit ihm zu unterhalten, brachte mich kaum weiter. Mehr als fünf- oder sechsmal musste ich seither mit ihm Kontakt aufnehmen und fleissig seine Sprache lernen, bis wir uns einmal bei einem Bier bzw. irgendeiner seltsamen Flüssigkeit unterhalten konnten.

Er nippte an seinem Bier und sah mich über die hellgrüne Schaumkrone hinweg an. Das Gespräch verlief schleppend, weil wir kaum ein gemeinsames Thema fanden.

Der Handelsstreit mit Centauri Minor war schnell abgehakt und auch das Wetter bot wenig. Centauri hat genau zwei Wetter. Klar und kalt oder sehr heiss und mit Sturmwinden von etwa vierhundert Stundenkilometer. Da wir gerade «Winter» hatten, war es sehr kalt und klar, und das würde es auch noch rund dreihundert Sonnenumrundung, also etwa eineinhalb Erdjahre dauern.

Der Umgang mit Fremden ist manchmal schwierig. Das denken sich auch die Fremden, die dann nicht Fremde sind, weil wir die Fremden sind.

Unsere Ignoranz, die Angewohnheit, «unter sich» zu bleiben, die Angst oder Unsicherheit vor dem Fremden, all das behindert uns. Die Lebensform C4PP3 auf Kowalski kennt weder Scheu noch Zurückhaltung mit fremden Wesen. Sie kennen absolut keine Angst oder auch nur schon Bedenken. Ihre Neugierde ist fast grenzenlos und grenzt, jedenfalls für mich, ans Nervtötende.

Ob wir etwas mehr wie die C4PP3 sein sollten? Andererseits explodierte vor einiger Zeit eine der Sauerstoff-Leitungen in Halle 2. Alles machte sich aus dem Staub, nur die C4PP nicht. Sie sahen zwar die Notwendigkeit, den Ort zu verlassen, doch einfach nicht schnell genug. Die Hälfte der Shuttle-Besatzung kam ums Leben und wie es schien, kümmerte das den Rest kein bisschen.

Etwas dazwischen wär vielleicht nicht schlecht, denk ich mir manchmal, und auch wenn der Centauri nun nicht zu einem Freund geworden ist, so bin ich doch froh, ihn zu kennen, denn sein Wissen ist einfach überwältigend, und was noch besser ist, der Kerl kocht ein Centerin-Gulasch von derart apokalyptischer Schärfe, dass ich einfach nicht genug davon bekomme.

Die wirklichwirklichwahren Abenteuer des SMY – ein Interview

«Grüezi Herr SMY»

«Guten Tag, smy reicht»

«Oh, sehr erfreut, mein Name ist dann Simon»

«Freut mich»

»Also, am 31. Oktober liest du ja aus deinen Tagebüchern und erzählst von deinen Abenteuern im Wald der Buchin. Nun sind zwar alle ganz aus dem Häuschen, aber man fragt sich auch, ob die Geschichten wirklich so wirklichwirklich wahr sind wie du behauptest.»

«Natürlich sind sie das! Natürlich will ich gerne zugeben, dass ich ab und zu gerne etwas Farbe reinbringe, aber erlebt habe ich das alles.»

«Und wo ist dieser Wald?»

«Überall. Nun ja, fast überall.»

«Versteh ich nicht, kannst du das erklären?»

«Also, auf diesem Planeten gibt es eigentlich kaum noch Wesen wie Elfen, Zwelfen, Zawüpf oder Borkenbräunlinge. Es gibt noch den einen oder anderen Zwerg und Troll und einige Menschen-Troll-Mischlinge, aber das war’s dann auch schon. Bei den Kleinsten wie Waldzwiewirtel, Brombeer oder Waldzwergzwergel sieht es noch düsterer aus. So sieht es aus. Aber, wie ihr im Kantonsmuseum Luzern ja einmal richtig erkannt habt, gibt es verschiedene Universen und diese nehmen zum Teil den selben Platz ein. Diese Erkenntnis ist absolut richtig. Die Erde auf der der Wald der Buchin liegt, nimmt den gleichen Raum ein wie unsere Erde. Sie ist aber ganz leicht Phasenverschoben und so kommen sich die Beiden nicht in die Quere. Sie interagieren aber. Es würde jetzt etwas langatmig, wenn ich das erklären würde, aber nehmen wird das mal so hin. Nun gibt es auf der Erde Orte, und auch Momente, in denen sich die Phasen der beiden annähern und partiell sogar gleich sind, dies ermöglicht es Wesen aus dem Wald auf die Erde zu kommen oder uns «hinüber zu gehen»».

«Eine Parallelwelt also?»

«Nicht parallel, nur im selben Raum des Kosmos»

«Und die ganzen Geistergeschichten, Elfen und Feen, Trolle und Zwerge und all das, das hat damit zu tun?»

«Genau. Wenn die «rüberkommen», und mit einem Menschen interagieren gibt das meistens viel Hysterie und Geschrei und seltsame Geschichten. Früher, als es noch mehr von ihnen auf der Erde gab und auch öfters welche «rüberkamen», da machten die Leute noch nicht so ein Aufhebens deswegen. Heute spinnen die Leute halt ein bisschen.»

«Und wie kommst du jeweils «rüber»?»

«Ja das, das behalte ich für mich, das gäb sonst einen Aufstand.»

«Am 31. Hast du also deinen ersten Auftritt in der Öffentlichkeit. Nervös?»

«Ja schon. Menschen machen mir Angst, und vor ihnen zu sprechen ist etwas schwer für mich.»

«Und noch eine allerletzte Frage. Du scheinst mir etwas durchscheinend, fast geistlich. woran liegts?»

«Bin grad in einer schlechten Phase!»

«Nun, ich wünsche dir jedenfalls toitoitoi und freue mich auf den Abend! Danke dass du dich meinen Fragen gestellt hast.»

«Danke gleichfalls.»

 

Information:

Die wirklichwirklichwahren Abenteuer des SMY

Datum: 31. Oktober 2019
Zeit: 20.30 Uhr (Türöffnung 20.00 Uhr)
Ort: Gartensaal Kustorei, Stift 3, Beromünster
Eintritt: Kollekte

www.kulturfläck.ch

Fernab vom Halloween-Zuckerkollaps, LED-beleuchteten Plastik-Kürbissen, Nylon-Hobbits und Silikon-Gedärmen gibt es eine Anderswelt, die ungleich fantasievoller und lustiger ist. Eine Welt, in der Zwiewirtler und Gurgler mit Schatten und Stiller Karten spielen, sich die Wodennada selbst gen Himmel projiziert und die allmächtige Buchin über einen Wald wacht, in dem SMY so manches Abenteuer erlebte.

Auszug: «Obwohl ruppig, ungehalten und manchmal brutal, entschuldigen sich Trolle dennoch jedes Mal für einen entfleuchten Furz.»

Ob Trolle, Ästler, Zwiewirtel, Elfen, Zwelfen, Borkenbräunlinge oder Zawütsch, SMY kennt sie alle und trank mit vielen von ihnen oft und gerne einen über den Durst. Daraus zu schliessen, seine Geschichten seien daher alle im Suff entstanden, wäre aber voreilig, denn die Geschichten sind alle wirklichwirklich wahr! Niedergeschrieben in seinen unveröffentlichten Tagebüchern ruhten sie und harrten darauf, erzählt zu werden. SMY tut dies höchstpersönlich und liest daraus einige Geschichten vor.

Dabei wird er von Musik von Herbert Müller und Klaus Pfister begleitet.

 

 

DENDROCHRONOLOGIE

DENDROCHRONOLOGISCHE HOLZALTERSBESTIMMUNGEN

Am 14. Mai 2018 entnahm Raymond Kontic, Dendrochronologie und Baugeschichte in Basel, im Auftrag der Denkmalpflege des Kantons Luzern an der Löffelburg Holzproben in der auf dem Erdgeschoss liegenden Balkenlage, der Schwelle sowie Bodenbrettern für eine dendrochronologische Untersuchung.

Das Resultat in Kürze: Das Fälldatum der beprobten Hölzer ist Winter 1614/15, Winter 1615/16 und Frühling 1616.

Für all diejenigen, denen es nun in den grauen Herbsttagen zu Hause wirklich unglaublich fad wird, habe ich mir erlaubt, den dendrochronologischen Bericht hier als PDF zur Verfügung zu stellen. Ich verspreche, danach wird, auch wenn nichts geschieht, das immer noch spannender sein als der Bericht. Jedoch! Aufgehorcht! Spannend ist natürlich, dass wir mithilfe des Berichts festhalten können, dass der über dem Erdgeschoss liegende Teil der Löffelburg definitiv um 1616/17 gebaut wurde.

Dendrochronologischer Bericht

Das Shooting

Abenteuer zu erleben, zumal, wenn man wie ich ein Ich hat, das das für einen erledigt, ist nicht schwer. Es braucht ein Schweizer Taschenmesser, den unerschütterlichen Glauben daran, dass die Bluterei einmal aufhört, und natürlich ein Handtuch. Nun, das Handtuch ist nicht ganz so wichtig, aber es hilft.

Es war nie meine Absicht, Abenteuer zu bestreiten, die Sterne zu bereisen oder den Wald der Buchin zu besuchen. Aber Dinge geschehen. Immerzu und, wie man in der Innerschweiz sagt, allport!

Da ihr vielleicht, nur vielleicht, den Wunsch hegt, von diesen Abenteuern zu hören, dann sei hierrauf verwiesen: «Die wirklichwirklichwahren Abenteuer des SMY in der Anderswelt»

Wer nichts von alledem wissen will, dem sei hier das Ende des Internets wärmstens empfohlen: LINK

Alle anderen kommen mit mir!

Der 29. September morgens. Ich wollte wieder einmal Fotos machen, denn, wie einige wissen, ist das mein Beruf. Ich packte Stiefelhosen und Kamera ein und machte mich auf den Weg in den Wald der Buchin. Da ich den Wald seit einigen Jahren und seit einem ganz besonderen Vorkommnis stets bei mir trage, war der Weg nicht weit.

Was mir vorschwebte, waren Aufnahmen von Nixen, Nymphen, Blubberern oder gar einem Gurgler, und das hiess, dass ich mich ins Wasser wagen müsste. Der kleine Bach, der sich von Nordwesten her durch den Wald der Buchin bis hinunter zum sumpfigen Birkenhain zieht, ist der richtige Ort für ein solches Vorhaben. Ach was habe ich da Nixen gesehen!

Als ich an jenem mit riesigen Moosen und Farnen bewachsenen Teil ankam, bei dem der Bach nicht mehr gurgelnd und singend über die Steine springt, sondern still und gemächlich und gar nicht tief über den moorigen Boden kriecht, zog ich mir die Stiefelhosen über und trat hinaus  ins kühle Wasser, um auf mein erstes Sujet zu warten.

Übrigens, damit es keine Missverständnisse gibt, es gab, gibt und wird niemals Fotos von Nixen, Gurglern oder Blubberern geben. In meiner Kamera war selbstverständlich kein Chip und auch zu Hause habe ich keine Fotos. Nixen können nicht fotografiert werden. Geht nicht. Ausgeschlossen. Wer was anderes erzählt, ist ein stümperhafter Lügner.

Ich liebe nur das Fotografieren der Wesen im Wald der Buchin. Ich brauche keine Fotos von ihnen. He, jeder braucht ein Hobby, kümmert ihr euch um das eure!

Nach einiger Zeit tauchte tatsächlich eine Nixe auf. Sie kannte mich schon lange und ich und ihre Freunde haben oft Zeit am Bach verbracht. Hnnn, so war ihr Name, was ehrlich gesagt genau dem Geräusch entspricht, das mir jedes Mal, wenn ich sie sehe, entwischt, lugte aus dem Wasser. «Fotoshooting?», fragte sie. «Wenn du magst», antwortete ich, und schon war sie untergetaucht und weg.

Ich wartete sicher zehn Minuten im kalten Nass, als plötzlich das Wasser aufschäumte und ein echter Gurgler sein nasses Haupt über die aufgeschäumten Fluten hob. Er war wirklich happy, dass man ihn einmal fotografieren wollte, und auch wenn wir beide wussten, dass es nicht ein einziges Foto geben würden, hatten wir ein tolles Shooting!

Manchmal kann man etwas machen, ohne das gleich was Bleibendes dabei rausspringt. Man macht es einfach so. Der Drang des Menschen, sich immer überall und für alle Zeiten zu verewigen, ist dumm. Wen interessiert es, ob ein Film in der Kamera steckt, wenn man gerne fotografiert? Und wen, ob es Publikum gibt, wenn man gerne musiziert? Ich kenne einen Mann, der seit vierzig Jahren politische Reden hält und das nur dann, wenn er alleine ist. «Ach weisst du», sagte er mir einmal, «ich habe Angst vor Menschenmengen, aber ich halte einfach so gerne politische Reden!»

Und die Moral von der Geschicht? Moral? Kann man hier nicht einfach mal ne Geschichte erzählen? Moral! Pah!

Und nicht vergessen: Am 31. Oktober 2019 im Gartensaal der Kustorei: «Die wirklichwirklichwahren Abenteuer des SMY in der Anderswelt» Alle Infos auf der Veranstalter-Seite: www.kulturfläck.ch

Indiskretion über den Löffelburger

Wehe, das bleibt nicht unter uns!

Ab und zu schleicht sich der SMY davon. Hinweg! Einfach so! Manchmal hat es mit der Welt zu tun, in der wir alle leben müssen. Und wir meinen nun nicht die Welt der grünen Auen und Wälder, sondern der Werbehysterie, des Einkaufwahns, der Uneinsichtigkeit der Menschheit gegenüber ihrem Versagen, sich geistig weiterzuentwickeln. Meist aber ist es die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach den Sternen, oder die Sehnsucht nach dem Wald. Und zwar nicht irgendeinem Wald. DEM WALD!

«Da führt von Südwesten, leicht ansteigend und einen breiten, zusammengefallenen Wall überwindend, ein sanft grüner Weg hinein in den Wald. Hinter der breiten Front der Bäume und Sträucher, die den Rand des Waldes säumen, sind nur summende Schatten.

Ein, zwei Baumreihen sieht man hinein, erahnt man Stämme und den Umriss eines aus dem Boden ragenden Wurzelstockes – zieht es einen magisch an, die Neugier, die Angst, das Klopfen des Herzens bis zu den Ohren und die Erinnerungen an eine Jugend, in der man sich ängstlich, aber voller Mut hineinwagte in den Wald, um sich bei einer Schnitzeljagd, Räuber und Poli oder Versteckspielen zu verbergen.

So geht man also über den Wall und steht am Waldeingang, blinzelt hinein in das Dunkel, hört das Summen, die Vögel, die nicht mehr pfeifen, und macht ängstlich einen Schritt hinein.»

Ja, diese Art Wald – und noch mehr! Denn der Wald hat eine Eigenheit. In ihm leben Wesen, die sich sonst kaum noch blicken lassen. Zwiewirtel etwa oder Zwelfen. Zwerge, Zawüpfe, Borkenbräunlinge, Langsame, Schatten und Trolle, Herr Kirlefing und die Wodennada, und natürlich die über alles wachende Buchin. Ach was hat der SMY dort Abenteuer erlebt! Und immer wieder zieht es ihn dorthin.

Und nun verraten wir euch was! Am 31. Oktober 2019 liest SMY aus seinen Tagebüchern Geschichten über seine Zeit im Wald der Buchin vor.

Begleitet wird er dabei von Herbert Müller und Klaus Pfister.

Ort: Gartensaal der Kustorei, Stift 3, 6215 Beromünster
Zeit: 20.30 Uhr (Türöffnung 20.00 Uhr) bis 22.00 Uhr
Eintritt: Kollekte

Organisiert wird der Abend vom Verein Kulturfläck Beromünster www.kulturfläck.ch

So, und wer bis hierher gelesen hat, darf belohnt werden. Denn SMY hat im Wald der Buchin etwas beobachtet. Pssst!

Am Bache stand und trönkte stülle

Frau des Zwergs aus goldner Tülle

ihre Ziegen und den Kater

und des kleinen Schäfleins Vater.

Schickte dann die Tiere fort

„fresset nun an anderm Ort!“

Goss dann aus der goldnen Kanne

Wasser in die Güldne Wanne.

Heizte es mit heissen Steinen

Grossen runden und ganz kleinen

Zog den Rock aus und die Blusen

reckte ihren Arsch und Busen

rein ins Wasser, in die Fluten

Spürte ihre Wangen gluten

und vom Kopfe bis zum Bein

glühen wie von heissem Wein.

Weg vom Weiblein geht der Blick

denn die Zwergin kennt ‘nen Trick

Kennt ihn schon ein halbes Leben:

Ohne Zwerg kann sie erbeben!

 ©SMY 2006

Hi, I’m Fake News

Guten Tag Mensch

Ich bin Fake-News. In letzter Zeit ist viel von mir die Rede, obwohl ich doch schon eine uralte Urururur-Grossmutter bin.

Geboren wurde ich 1890 in Cincinnati, doch mit Ausnahme der grossen Tage der beiden Weltkriege und des späteren Kalten Krieges hatte ich ein recht beschauliches Leben. Erst in den letzten Jahren, nachdem ich doch nun schon so alt bin, ging es dank dem Internet, Trump, Putin und Mark Zuckerberg so richtig los.

Glücklicherweise habe ich schon früh meinen Mann Propaganda kennengelernt. Mit ihm zusammen habe ich einen ganzen Stall voll wunderbarer Kinder zur Welt gebracht und aufgezogen. Das älteste, die politische Verleumdung, das wir nach meinem Grossvater benannt haben, hat selber ebenfalls eine grosse Familie gezeugt, und unsere Tochter Hetze – was soll ich sagen: Wir sind einfach stolz auf sie!

Nun möchtest du sicher wissen, was wir tagein, tagaus so treiben. Nun, das ist einfach. Wir versuchen dich zu manipulieren. Das machen wir noch nicht einmal besonders heimlich oder mit Zartgefühl. Nein ,nein, wir wissen ja, dass du wirklich abgestumpft und dumm bist, dazu noch zu faul, dich bei verschiedenen Quellen zu informieren und – und das ist das Beste – dass du ein Egomane bist, der, wenn er einmal eine Meinung gefasst hat, jeden und jede davon zu überzeugen versucht.

Unsere Auftraggeber sind meist die grossen Firmen und natürlich politische Parteien. Die haben aber meist nicht so viel Geld, weshalb sich immer wieder reiche Firmenbosse, Oligarchen finden, die das für die Politiker bezahlen. Manche heuern uns auch aus purem Hass auf andere an, und die machen das echt gut!

In der Schweiz versuchten wir auch schon zu landen, aber ihr seid ja so kompliziert. Zum Glück gibt es bei euch die Rechten, die rechtskonservativen Schwulen- und Lesbenhasser, Abtreibungsgegner und evangelikalen Bekehrungsbesessenen. Die Leugner der Klimaveränderung und die machtbesessenen neoliberalen Kapitalisten. Natürlich gibt es auch noch einige Linke, die uns anheuern, aber in der Schweiz eher in homöopathischer Menge.

Und nun will ich dir sagen, weshalb wir es so einfach haben: Die Furcht des Menschen vor dem Nichts ist die Erkenntnis des Menschen über seine absolute Belanglosigkeit. Diese Belanglosigkeit will er eliminieren. Er will zu einer Masse gehören, die gross ist und als Teil derer er sich, obwohl er dadurch ja eigentlich kleiner wird, grösser fühlen kann.

Menschen, die ihr Leben nicht kritisch reflektieren, neigen dazu, jeden Scheiss zu glauben, und Propaganda gehört hier dazu. Dabei ist es egal, ob jemand studiert hat oder im achten Jahr die Schule verliess.

Bald sind überall Wahlen und Abstimmungen. Haha! Wir lieben diese Zeit. Nichts ist so inspirierend, wie ganze Völker zu entzweien. Danke Wladimir! Danke Donald, danke Boris, danke Victor! Ah, stellt euch das doch vor. Keine einzige Nachricht mehr, von der man nicht weiss, ob sie nun stimmt oder nicht oder wie gefärbt sie ist oder nicht ist. Totale Unsicherheit überall! Grossartig. Und dann die überforderten Medien, die gar nicht mehr nachkommen, all die News zu überprüfen, und immer tiefer in den Sumpf der Billignachrichten absinken. Bild, Blick, Bunte, The Sun und wie sie alle heissen, lieben uns! Wirklich!

Nun ja, ich will zugeben, dass das auch einen Haken hat. Wenn alle News Fake News sind, dann kann man nicht mehr unterscheiden und erkennt gar nicht mehr unsere wirkliche Grösse. Das ist so wie bei dem Zeug, das Boris, Wladi, Donald oder Kim reden. Die Sätze, die mal nicht gelogen sind, gehen unter in einem Meer geistig verwirrter oder bösartig ausgearbeiteter Lügen und Halbwahrheiten.

Nun ja, ich will nicht klagen. Ich werde im nächsten Jahr hundertdreissig Jahre alt und ich bin guter Dinge, dass ich noch viele Jahre leben werde. Auch meine Kinder und Enkel werden euch noch lange begleiten. Aber keine Angst, wie immer werdet ihr davon gar nichts merken und euch erst, wenn es weh tut, verwundert fragen, was geschehen ist!

Kunst und Geschichte in einem Haus. Der Löffelburg-Blog aus Beromünster.