Museum Nienetwil

Die Löffelburgerin ist mit ihrem Büro korrektorium.ch zwei Stockwerke höher in das neue schöne Büro gezogen, das der Löffelburger ihr gebaut hat. Das ist gut so, denn nun ist ein Raum frei, dem wahrhaft Grosses bevorsteht: Er wird zum Museum Nienetwil!

Nun fragst du dich vielleicht, was das Museum Nienetwil will.

Die Kurzform? Wir stellen Objekte der Nienetwiler Kultur aus und stellen Fragen zur Vergangenheit und zur Gegenwart und zur Zukunft.

Du willst mehr wissen? Hier die lange Version:

Die Vergangenheit ist ein Hirngespinst. Eine Art Chimäre, wie sie im Altertum entstanden. Man fand fossile Knochen von Sauriern oder anderen urzeitlichen Tieren und setzte sie nach eigenen Vorstellungen zusammen. Daraus entstanden Fabelwesen, die manchmal grausig, manchmal himmlisch anzusehen waren.

Mit der Geschichte verhält es sich nicht anders. Man findet Schnipsel von Informationen, manchmal Kisten davon, doch immer werden sie aus der Zeit der Findenden interpretiert.

Man könnte sich jetzt fragen: «Wozu denn das alles? Das gibt ja nur ein Bild über die Findenden, nicht aber über die Geschichte!» Die Frage ist berechtigt, und wir gehen sogar darüber hinaus: Wenn, wie sich in den letzten Jahrhunderten gezeigt hat, aus der Geschichte nicht gelernt wird, wozu soll sie dann gut sein? Wozu soll ich mir das Datum und die Hintergründe der Schlacht von Alamo, Waterloo, Sempach oder dem Amselfeld merken? Was nützt es mir, die Namen der römischen Cäsaren, der französischen Revolutionäre oder irgendwelcher Potentaten zu merken? Was nützt es mir zu wissen, wie es zur Schlacht von Alesia oder zur Invasion im Irak kam, wenn wir nichts daraus lernen?

Wäre es da nicht besser, wir hätten eine Geschichte, die man nicht lernen muss? Eine Geschichte, die sich selbst erzählt? Durch jeden Menschen und jedes Ding dieser Welt? Eine visionäre Geschichte, die, gerade weil sie visionär ist, die geschriebene Geschichte zu überlagern vermag und in die Gegenwart, ja bis in die Zukunft reicht? Nicht weil sie so besonders toll wäre, sondern weil sich alle Menschen – gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, welchen Glauben oder welcher sexueller Orientierung – damit identifizieren können? Wäre das nicht eine viel bessere Vergangenheit? Aber wo und wie damit beginnen?

Beginnen wir am Anfang. Ganz am Anfang der Menschheit. Beginnen wir dort, wo es noch keine Religionen, keine Knechtschaft, keine Könige und keine systemische Hierarchie gab. Beginnen wir, nun, sagen wir vor 1,3 Millionen Jahren. Das ist doch einmal ein Anfang. Am Anfang war ein Stein, der Stein kam in eine Hand, die Hand nutzte den Stein. Der Stein veränderte den Menschen. Der Mensch veränderte den Stein. Er erkannte, dass dieser Stein ihn verändert hatte, denn er machte ihn zu einem anderen Menschen. Zu einem Menschen, der einen Stein nicht nur nutzen konnte, sondern mit ihm arbeitete und sein Wissen, wie das gemacht werden kann, an andere weitergeben konnte.
Der Stein wurde nicht einfach als Stein angesehen. Er war nicht bloss Objekt, er war ein Stein, der nun zur Familie gehörte. Und weil dieser Mensch begriff, dass auch alle anderen Steine, und alle Bäume und alles Gras, aller Wind und alles Sonnenlicht, alle Tiere und Pflanzen und alle Sterne und aller Sand, dass einfach alles, was es gab um ihn herum, nicht anders war als dieser Stein, den er ja zufällig fand, allergrösstes Potenzial hatte, mehr zu sein als einfach nur ein Stein, ein Wind, eine Flamme oder ein Blatt – weil er das begriff, stellte er alles das sich selber gleich. Es gab keinen Unterschied mehr. Alles beeinflusste ihn, und mit seinem Tun beeinflusste er, was ihn umgab. Er erkannte, dass ein Feuer verletzen konnte, aber es war auch nützlich, er erkannte, dass man im Meer ersaufen kann, aber dennoch war es nützlich. Es war also nicht die Frage, was «gut» oder «böse» war, sondern wie man mit den Dingen umging, wie man mit ihnen lebte.

Diese Geisteshaltung hat sich lange gehalten. Verdammt lange, mehr als eine Million Jahre lang. Das ist lang, doch traten Veränderungen ein. Klimatische Veränderungen und Veränderungen am Menschen selbst. Je mehr er wusste und je mehr es wurden, desto mehr von ihnen gab es, die merkten, dass Wissen Macht ist. Dass ein bequemes Leben besser ist als zu ackern und zu schuften. Und damit war Hierarchie geboren. Das war eine dumme Sache, die uns bis heute quält, aber was will man machen. So war der Lauf der Dinge.

Allerdings war noch nicht alles verloren. Seit dem Anfang der oben beschriebenen Erkenntnis gab es solche, die diese weitertrugen. Sie wollten sie nicht loslassen. Weder für mehr Fleisch noch für Macht noch sonst etwas auf der Erde. Es war ein Schatz, den sie da festhielten, und das taten sie mit aller Kraft. Bis heute. Jene, welche diese Erkenntnis verinnerlicht haben, sie zu ihrer Kultur werden liessen, leben heute noch und wir nennen es in der Forschung Nienetwiler Kultur.

In der Nienetwiler Kultur gibt es keine Hierarchie. Es gibt keinen endgültigen Besitz. Es gibt keinen Unterschied zwischen Nichtmensch und Mensch, zwischen Frau und Mann, zwischen dick und dünn. Alles und jede und jeder hat Potenzial, das es, sie oder er ausschöpfen will. Das ist sehr viel Potenzial. Wirklich, kein Spass, das ist wirklich verdammt viel Potenzial! Weshalb sollte man es brachliegen lassen oder gar unterdrücken?

Eines dieser Völker der Nienetwiler, die aus dem Homo Nienetwilensis entsprangen, waren die Skandaj. Sie blickten bereits auf Hunderttausende Jahre zurück, als sie sich aufmachten, die Welt zu erkunden, und was sie entdeckten, war einfach unglaublich! Fantastisch und kaum zu begreifen! Berge, Schnee, Meere! Fische so gross wie Felsbrocken, Bäume so hoch wie Berge, Wasser so grün wie Gras und so sauer, dass es einem das Fell von den Waden zog. Sie zogen über die ganze Welt und hielten dennoch immer Kontakt miteinander. Läufer, so würde man sie heute vielleicht nennen, liefen von Gruppe zu Gruppe, lösten andere ab und immer wurden Wissen und Neuigkeiten ausgetauscht. Trafen die Skandaj andere Menschen, suchten sie den Kontakt und tauschten Wissen mit Wissen.Sie lebten als Nomaden, und das tun viele von ihnen bis heute. Sie lebten immer nur in kleinen Gruppen bis maximal dreissig Leuten, denn nur so konnten sie Versammlungen abhalten, an denen alle zu Wort kommen und ihre Meinung und ihr Wissen einbringen konnten.
Das verunmöglichte natürlich grössere Siedlungen, aber das war ihnen egal. Sie liebten ihr Leben, und wäre es heute noch immer so einfach, als Fahrende umherzuziehen, sie würden es noch immer lieben.
Leider ist das nicht so einfach. Es wurde schwierig, als die Grossreiche auf der Welt entstanden. Und es wurde noch schwieriger, als Nationalstaaten und Grenzen erfunden wurden. Die Nienetwiler Kultur konnte sich dennoch behaupten und tut es bis heute. Und weil ihre Kultur so prickelnd, so Zukunftsverheissung, weil freiheitsversprechend war, blieb in allen Kulturen der Welt etwas davon hängen. Und griff immer wieder auf die Schwestern und Brüder der Homo-sapiens-Population über.

Ja, das ist in aller, aller Kürze, das Wichtigste zusammengefasst. Und nun stellt sich natürlich die Frage, die eine Frage, die grosse Frage: Bist du eine Nienetwilerin? Bist du Nienetwiler?

Das Museum Nienetwil kann darauf keine Antwort geben, das musst du selber tun. Was wir möchten, was uns drängt zu tun, ist, dir die Möglichkeit zu geben, dich zu erinnern, dir die Frage zu stellen, die eine grosse Frage …

www.nienetwil.ch

… und nicht vergessen: Die erste Ausgabe der «Cahiers de recherches de Nienetwil» ist in gedruckter Form und als PDF erhältlich: LINK