DIE TNUK – VON SIMON MEYER (KURZGESCHICHTE)

Die Tnuk von Simon Meyer Eine SF Kurzgeschichte

Ich schaute dem Treiben auf diesem Planeten schon lange genug zu, um zu wissen, dass es früher oder später kein gutes Ende nehmen würde. Ihr kennt eure Geschichte selber, ich brauche also nicht viel zu sagen. Kein Jahr verging ohne Krieg. Kein Tag, an dem die Einflussreichen nicht alle anderen zu unterdrücken und auszubeuten suchten. Kein Tag, an dem dieser schöne Planet, den ihr da habt, nicht weiter zerstört worden wäre. Es ekelte mich an und gleichzeitig beobachtete ich gespannt, wie ihr euch als Nächstes umzubringen gedächtet. Oder welche Mechanismen ihr in euch selber entwickelt, um das Elend, das mit eurem Trieb, immer mehr, immer das Neuere, das Bessere zu haben, einherging.

 

Vor einigen Jahrhunderten war ich auf dem Planeten Tnuk im System Alpha Centauri B. Man hatte mich gebeten, ein Problem zu lösen, das nicht zu lösen schien.

Die Tnuk, so hiess die herrschende Spezies, liess es sich recht gut gehen.  Kurz, sie kannten absolut keine Hemmungen, wenn es darum ging, ihre Lebensfreude ins Unermessliche zu steigern.  Die viel zitierten (nie stattgefundenen) Orgien des antiken Rom wirkten gegen deren Partys wie langweilige Sonntagnachmittage bei der Grosstante.

Und das ging schon eine ganze Weile so. Lange. Sehr, sehr lange. Zu lange. Der Verbrauch von Naschereien, weichen Sofas und bequemer Wäsche, an Verhütungsmitteln und alkoholischen Getränken war masslos, und masslos war auch die Ausbeutung des Planeten Tnuk. Eigentlich war er ja auch kein richtiger Planet. Er war ein terrageformter Mond, der um einen seit Jahrtausenden nicht mehr existierenden Planeten kreiste. Ein Planet, den dessen Bewohnerinnen und Bewohner derart ausgebeutet und mit Krieg überzogen hatten, dass er einfach auseinanderbrach und in die Sonne stürzte.

Einige Hunderttausend hatten sich damals abgesetzt und auf einem Mond (in deren Sprache Tnuk) niedergelassen. Sie wollten es besser machen als früher. Sie versprachen sich, es besser zu machen. Sie schrieben in die Verfassung, es besser zu machen. Doch nach einigen Tausend Jahren war all das Geschichte und vergessen und man begann wieder, das Leben über die Massen zu geniessen. Es kam, wie es kommen musste: Dem Mond, etwa von der Grösse eures Mondes, wurden alle Ressourcen entzogen, die er hatte. Schon sah man keine Sterne mehr, denn im Orbit flogen riesige Gewächshäuser, die die Tnuk mit Nahrung versorgten. Die Oberfläche war mit Luststätten und Vergnügungshäusern vollgestellt, die sich vierhundert Stockwerke in die Höhe reckten. Im Untergrund wurden indessen immer mehr Fabriken gebaut, bis dieser so durchlöchert war, dass erst einzelne Wolkenkratzer, dann Stadtteile und zuletzt ganze Städte in die Tiefe stürzten. Abermillionen starben. Doch die Tnuk, von ihrer Angst, ausgelöscht zu werden, so sehr eingenommen, fanden schnell Mittel und Wege, diese zu bekämpfen. Nicht etwa, indem sie aufhörten, den Mond zu untergraben, sondern indem jeder eingesperrt, gefoltert und hingerichtet wurde, der behauptete, dass irgendwo irgendwelche Tnuk gestorben oder Häuser eingestürzt seien.

So lebten sie ihr Leben weiter.

Doch eines Tages ging es nicht mehr. Die Landeplattformen für die Transportraumgleiter waren weg. Die Verpflegungs-Koordinationsbehörde war weg. Drei Viertel der Lusthäuser und jede zweite Konditorei war weg. Und von den vier Milliarden Tnuk waren dreieinhalb im Erdboden versunken.

Hungernd und halb nackt streiften die Tnuk nach Nahrung und Vergnügen suchend durch die Ruinen ihrer Städte, doch es wurde immer schwieriger, noch eine Dose Kaviar oder eine weiche Matratze für den Beischlaf zu finden. Und so fingen sie an, um Hilfe zu rufen.

Als ich auf Tnuk eintraf, war die Situation so elend, dass ich mein Gesicht in den Händen vergrub und auf einem Trümmerstück drei Stunden lang weinte.

Es gab absolut nichts, was ich für dieses Volk tun konnte. Für eine Evakuierung waren sie noch immer zu viele und der Mond war derart zerstört, dass ein lauter Furz genügt hätte, ihn auseinanderfallen zu lassen.

 

Stunden um Stunden sass ich da und dachte nach, während ich einigen Verzweifelten zusah, wie sie sich in flauschige, dreckige Bademäntel gehüllt, mit ihren sechs Armen umschlangen und zeterten und wimmerten.

Nach langem Nachdenken hatte ich eine Lösung gefunden.

«Ihr seid selber schuld an dem, was geschehen ist. Ihr habt mich als Retter gerufen, doch es gibt keine Rettung. Tnuk ist tot und ihr werdet es bald ebenfalls sein. Eure Lustbarkeiten, eure Ekstasen, der Kaufrausch und die unverhohlene Leugnung der Realität hat euch hierhergebracht. Nun geht es zu Ende. Doch ich habe eine Lösung gefunden: Ich habe in einem Lagerhaus achthundertsechzig Dosen mit Bohnen-Chili gefunden, und eine Gruppe verpflichtet, von diesen an jede Bewohnerin und jeden Bewohner eine auszuteilen.»

«Wie sollen uns Bohnen helfen?», fragte da einer.

«Das ist ganz einfach, mein wissbegieriger Freund. Es sind ganz besondere Bohnen. Durch die ganzen Erdbeben wurden sie sehr stark durchgerüttelt und das hat ihre Proteine verändert. Wenn ihr nun davon esst, werden sie bewirken, dass ihr schweben werdet. So könnt ihr nicht mehr in die Tiefe stürzen und könnt zu euren Gewächshäusern schweben, um dort Nahrung anzubauen.»

«Ist das auch wahr?», fragte der Neunmalklug.

«Aber natürlich ist das wahr!», rief ich.

Als die Bohnen ausgeteilt wurden, verabschiedete ich mich, schoss aus dem Raumschiff heraus noch einige Fotos und machte, dass ich davonkam.

Es dauerte nicht lange und es geschah, was geschehen musste: Der Mond fiel auseinander, zerbröselte und zerbröckelte, durch achthunderttausend Fürze auseinandergerissen, in Abermillionen Stücke.

Die Tnuk waren Geschichte. Es war besser so. Ich wagte mir gar nicht vorzustellen, welchen Schaden das Universum, Milliarden Zivilisationen, genommen hätte, wenn auch nur ein einziger Tnuk die Saat der Dummheit in den Weltraum hinausgetragen hätte.

Ihr mögt mich jetzt vielleicht verurteilen, weil ich die Tnuk diesem schrecklichen Schicksal überlassen habe, statt nichts unversucht zu lassen, sie zu retten.

Doch ihr vergesst da was. Das ist verdammtnochmal mein scheiss Universum und wer hier nicht spurt, fliegt raus. Kapiert! Bau du dir erst mal dein eigenes Universum und halte es sauber. Oder wie ist das denn mit den Flüchtlingen, die ihr in euren Meeren ersaufen lässt? Wie weit geht denn da eure Hilfe? Die Abertausend Tierarten, die aussterben, weil ihr unbedingt Palmöl, Avocados oder Grillkohle aus Tropenholz wollt? Nicht zu vergessen von immer mehr und noch mehr billigen Klamotten?

Ich habe mit den Tnuk nichts gemacht, was sie sich nicht selbst angetan hätten, ich habe ihnen nur einen schnellen und schmerzlosen Tod vergönnt.

Wer ein Universum baut, hat, das ist leider so, auch eine gewisse Verantwortung. Das heisst nicht, dass ich mich um jeden Mist kümmern muss, sondern dass ich ein Gleichgewicht aufrechterhalte. Ausgleich der Schwarzen Materie und der dunklen Energie, schöne Expansion und ein einigermassen geordnetes Chaos im All. Und ab und zu spring ich zu Hilfe, wenn einer ruft.

Doch meine Möglichkeiten sind begrenzt. Ich bin kein Gott, denn so etwas gibt es nicht. Es gibt nur mehrere von uns, die einander andauernd Streiche spielen und sich gegenseitig ins Universum pfuschen. Zeitvertreib halt.

Also, haltet euren Planeten sauber, schwört der Gewalt ab und dem ganzen Scheiss, und ich brauche nicht eines Tages zu kommen und euch Bohnen austeilen. Klar?